Wie beginnt man einen Blog?

Das ist eine gute Frage, aber ob es darauf eine gute Antwort gibt, darf wohl als zweifelhaft gelten. Nun immerhin… mit diesen Worten ist der erste Schritt getan und der Blog hat einen offiziellen Anfang. Und das einfach so, ohne alles weitere, einfach durchs Schreiben. Es hätte auch ganz anders kommen können. Da es heute so viele Blogs gibt wie Wege, sie zu erstellen und ins Netz zu bringen, hätte der Anfang auch in einer intensiven Internetrecherche liegen können. Was ist die beste Software, was sind die besten Tools und – vor allem – wie sich durchsetzen in der heute doch so stark umkämpften Aufmerksamkeitsökonomie? Zur Internetrecherche auch noch Fachbücher hinzuzuziehen hätte sicherlich nicht geschadet. Nur von wem? Um das zu recherchieren hätte sich freilich wieder das Internet angeboten. Und was machen eigentlich die anderen?

Freiheit… und nun?

Das alles sich heute bei kurzem Nachdenken als Fass ohne Boden erweist, ist ein Allgemeinplatz, der es aus dem öffentlichen Denken bis in die universitäre Soziologie geschafft hat – oder vielleicht auch anders herum. Im Rahmen der Postmoderne (ein wahrlich seltsamer Begriff, denn was mag wohl nach der Postmoderne kommen?) so heißt es, seien sämtliche alte Sicherheiten verschwunden, hätten die großen Erzählungen sich aufgelöst und einer hoch individualisierten Gesellschaft Platz gemacht, in der die Menschen sich aus einer schier unendlichen Menge von Optionen frei von einengenden konformistischen Normen die Bausteine ihres Lebens zusammenbauen können? Welche Arbeit willst du machen? Wie hältst du es mit der Liebe? Wie mit dem Sex? Was sind deine Hobbys? Wie willst du aussehen? Und so weiter und so weiter und so weiter.
Dieser Gedanke zieht sich durch die Soziologie der letzten vierzig Jahre. Lyotards postmodernes Wissen, Becks Risikogesellschaft, Reckwitz’ Singularitäten oder Rosas Beschleunigung. Sie alle spielen in der ein oder anderen Weise auf der Klaviatur des Begriffs der Komplexität. Alles ist unüberschaubarer geworden, schneller, vielfältiger, zahlreicher, spezifischer. Der Mensch droht in dieser unübersehbaren Komplexität verloren zu gehen, verliert zusehends die Fähigkeit sein Leben zu planen, da die Dinge zu schnell an ihm vorbei ziehen und der Anspruch, etwas besonderes zu sein, ihn überfordert. Dem neoliberalen Mantra folgend, für das Wohlergehen des oder der Einzelnen sei jeder und jede vor allem selbst verantwortlich, gilt es natürlich, nicht nur zu wählen, sondern gut zu wählen. Das aber kann nicht jeder und jede gleich gut. Viele sind von der neuen Freiheit einfach überfordert und ziehen sich zurück. Wo die einen von der Komplexität ihrer Umwelt profitieren, verlieren die anderen, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, mit den riesigen Freiräumen der Gesellschaft produktiv umzugehen. Und auf Dauer stellt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Frage.

Doch nicht so kompliziert

Soweit die Geschichte wie sie überall erzählt wird. Nicht einmal einen Blog kann man beginnen, ohne in einem unüberschaubar großen Bereich von Dingen zu ertrinken, die auch noch beachtet sein wollen, bevor es losgehen kann. Und genau aus diesem Grund passiert in den meisten Fällen vieles… nur losgehen tut es nicht.
Klingt gut, klingt logisch? Ja durchaus. Aber was wäre, wenn das Pferd hier vom vollkommen falschen Ende aufgezäumt wird? Was wäre, wenn die Gesellschaft bei genauerer Betrachtung überhaupt nicht kompliziert ist, sondern ganz im Gegenteil immer einfacher wird? Wenn die Zunahme von Komplexität nur ein Oberflächenphänomen wäre, unter dem sich eine immer weiter voranschreitende Nivellierung von Differenz versteckt? Das dem durchaus so sein könnte, erschließt sich beim Durchdenken eines kleinen Gedankens, den Luhmann am Rande seiner Vorlesung zur Einführung in die Systemtheorie geäußert hat:

Sinn reduziert Komplexität.

Die allerorten zu recht diagnostizierte Zunahme von Komplexität könnte sich ausgehend von diesem Gedanken als das Symptom eines fortschreitenden Sinnverlustes erweisen, der bislang so gut wie gar nicht in den Aufmerksamkeitsfokus der aktuellen kritischen Theorie geraten ist. Der Grund für diese mangelnde Beachtung liegt vielleicht in der Kulturfixiertheit der modernen Soziologie, die sich immer weniger mit Fragen der Ökonomie beschäftigt und das Wort Kapitalismus mehr und mehr als Atavismus betrachtet.

Vom Verlust der Komplexität

Die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft verwandelt alles in eine Ware, was in ihren Wirkungsbereich gerät und fixiert dessen Bedeutung auf den Tauschwert, der sich letztlich als rein abstrakte und vor allem leere Kategorie erweist. Was erst einmal eine Ware ist, hat keine konkrete Bedeutung mehr und verliert jede Kontur.
Diese einfache Bewegung hat mittlerweile so viel Fahrt aufgenommen, dass sie deutlich spürbar wird, in allen Winkeln der Gesellschaft und des menschlichen Lebens. Soziale Kontakte sind Kapital, der Körper ist Kapital, Hobbys sind Kapital. Die Dinge aber verlieren ihre Bedeutung in dem Maße, in dem sie sich in dieser Weise verwandeln und letztlich verschwindet der Sinn aus den sozialen Strukturen. Wo die sozialen Strukturen immer weniger von Sinn durchdrungen sind, büßen sie die Fähigkeit an, die Elemente der Gesellschaft zusammenzuhalten, die daraufhin auseinander streben und sich in eigene Richtungen entwickeln. Genau hier hat das Phänomen der Komplexität seinen Ursprung. Wenn es also schwer ist, einen Blog zu beginnen, dann nicht, weil alles immer komplizierter, sondern weil letztlich alles immer simpler wird.