Was für eine Elena?

Na, Elena Ferrante, denn heute geht es mal um Literatur, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas mit dem Oberthema dieses Blogs zu tun haben scheint. Natürlich ist das doch der Fall, je nachdem, wie man das Buch liest und was man darin sucht.  Oder besser, die Bücher, denn an dieser Stelle ist nicht das Gesamtwerk Ferrantes gemeint, sondern die neapolitanische Saga. Um die über 2000 Seiten umfassenden vier Bände zu resümieren: Zwei Mädchen aus einem Elendsviertel Neapels kurz nach dem zweiten Weltkrieg werden in Kinderjahren Freunde und bleiben es mit ins Alter hinein. Die eine strengt sich in der Schule an und schafft es, ihrem Viertel den Rücken zu kehren, um eine bedeutende Stellung innerhalb des kulturellen Lebens Italiens einzunehmen. Der anderen bleiben die notwendigen Mittel versagt, weswegen sie zeit ihres Lebens, trotz ihrer immensen geistigen Fähigkeiten, aufs engste mit ihrer sozialen Herkunft verbunden bleibt. Zwischendurch findet alles andere statt: Erwachsenwerden, Liebschaften, Ehen, Kinder, Skandale, das Leben in all seinen Facetten und das ist für beide Frauen alles andere als einfach, schon allein wegen der Macho-Kultur, die beide gefangen hält.

Perspektiven über Perspektiven

In dieser wie in allen brillanten Werken der Literatur so einfachen Handlung sind eine unabsehbare Zahl von Perspektiven miteinander verflochten. Die neapolitanische Saga Ferrantes erzählt von zwei Frauen, die von der Kindheit bis zum Alter an unterschiedlichste Schauplätze und in unterschiedlichste Milieus geraten, um auf diese Weise jedes verborgene Detail der italienischen Geschichte auszuleuchten und die Vielfalt des Sozialen zu betrachten wie einen Stein, den man am Strand fasziniert von einer Seite zur anderen dreht, um sich jede seiner Seiten genau anzuschauen. In dieser Hinsicht hat der Roman eine konstruktivistische Seite. Er lässt sich in verschiedenster Weise lesen: Als Geschichte Italiens, als Geschichte des Bedeutungsverlustes patriarchaler Strukturen, als Nachvollzug der Emanzipation der Frauen. Oder auch individueller: Als detaillierte Darstellung der Anstrengungen einer Frau, sich sowohl von den sie umgebenden männlichen Erwartungen loszumachen als auch dem langen Schatten einer Freundin, der gegenüber sie sich minderwertig und schuldig zugleich fühlt. Der Text hat mehr Ebenen als sich aufzählen lassen und sicherlich lassen sich mit jedem Lesen neue hinzufügen.

Kontinuität

Auf der anderen Seite basiert der Roman (oder die Romane, wie auch immer) auf einer Grundvoraussetzung, die Ferrante während des gesamten Erzählverlaufs nicht antastet und die sich aus diesem Grund jeder konstruktivistischen Interpretation entzieht, um statt dessen so etwas wie den harten Kern des Textes darzustellen. Mit Bourdieu ließe sich diese Ebene als die tiefe Prägung verstehen, die Menschen durch ihre soziale Herkunft erfahren und die sich ihnen bis in die tiefsten Tiefen ihrer Persönlichkeit einschreibt, in ihren Leib, in ihre Sprache, ihre Art sich zu kleiden, zu lachen oder zu gestikulieren. Oder kurz ausgedrückt: Der Habitus. Ob man Ferrantes neapolitanische Saga liest oder Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ läuft in der durch die Lektüre erzielten Grunderkenntnis auf das Selbe hinaus. Allem modernen Gerede von Empowerment, Förderung, sozialer Mobilität zum Trotz und ungeachtet einer Ideologie, die an jeder Ecke laut blökend verkündet, wir könnten sein, was immer wir wollten, solange wir nicht aufhören, unseren Traum zu leben, all diesem Gerede zum Trotz, klebt die Herkunft eines Menschen an ihm oder ihr wie Pech. Doch nicht nur das. Gleichzeitig besitzen die anderen auch die Fähigkeit, die Zeichen dieser Herkunft, ohne Schwierigkeiten zu entschlüsseln und anhand von scheinbar beiläufigen Kleinigkeiten sicher zu lesen.

Paradoxien

Den ganzen Text um diese Erkenntnis herum aufzubauen und sie in all ihrem Detailreichtum akribisch auszuführen, ist vielleicht das Großartigste an der neapolitanischen Saga überhaupt. Und dies gelingt Ferrante, ohne an einer Stelle nihilistisch oder auch nur zynisch zu werden. Jeder Mensch, der in diesem Text lebt, hat eine ihm eigene Würde, lebt aus voller Kraft und strebt danach, irgendwie mit diesem Leben klarzukommen, das Menschen geschenkt wird, ohne das sie danach gefragt hätten. Dieser Humanismus wird durch die anfangs betonte Vielschichtigkeit des Textes, durch seine konstruktivistische Seite noch verstärkt. Denn wie das Schicksal der aus der Ich-Perspektive schreibenden Protagonistin beweist, ist es durchaus möglich, die Kontinuität von Familienbiographien zu verlassen, um anderswo ein eigenes Leben zu führen. Allerdings gelingt diese Reise nur um den Preis, sich auf ihrem Weg mit reichlich Gepäck abzuschleppen, das andere nicht zu tragen haben, weswegen sie eleganter, wendiger und nicht selten deswegen auch erfolgreicher sind. Dass Ferrantes Roman an keiner Stelle die neoliberale Botschaft nahelegt „Wenn man sich anstrengt, kann man es immer schaffen!“ liegt vor allem darin begründet, wie genau er jede Spur verfolgt, durch welche die Protagonistin an ihre altes Viertel und dessen Bewohner gebunden bleibt. Dass sie sich gleichzeitig ändert und auch nicht, ist die Möglichkeitsbedingung der Freundschaft, die der Roman in seinen vier Teilen so intensiv schildert.

Das Mögliche

Was er auf diese Weise zugleich mit erzählt ist, wie Veränderung funktionieren kann. Sie kommt weder durch das passive Vertrauen zustande, die Geschichte würde schon dafür sorgen, dass der Wind sich schließlich dreht. Die Erzählung vom Verhältnis der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse hat ihre Leser und Leserinnen diese blödsinnige Binsenweisheit immer wieder eingetrichtert, so kontrafaktisch sie sich auch seit je zur sozialen Wirklichkeit verhalten mochte. Ebenso wenig aber kommt Veränderung durch einen radikalen Bruch zustande. Veränderung, die vergisst, was sie verändert und sich in der Vorwärtsbewegung ihres Ursprungs schämt, läuft ins Leere und besitzt keine Identität. Sie gleicht eher der Zerstörung, deren Produktivität immer wieder von der Ökonomie bejubelt wird und auch erklären mag, warum manch Aktienkurs so erfreut auf Krieg reagiert. Veränderung liegt jenseits dieser Extreme: Sie bewahrt und überwindet sie zugleich und erfindet so etwas Neues. So wie keine der beiden Freundinnen am Ende des Romans noch sie selbst ist und auch die Freundschaft als Beziehung fundamental ihren Charakter verändert hat, um etwas neuem Platz zu machen, dessen Zukunft ungewiss ist und gerade deshalb auch mit Angst belegt. Wir brauchen mehr Elena Grecos und Lila Cerullos!