Marionetten

Laut der bereits im letzten Post erwähnten Leipziger Autoritarismus-Studie zeichnen sich in Deutschland zur Zeit gut 30 Prozent der Befragten durch eine manifeste Verschwörungsmentalität aus. Sie sind der Ansicht, die meisten Menschen (außer ihnen natürlich) seien sich nicht bewußt, in welchen Maße das Leben durch im Geheimen ausgeheckte Verschwörungen bestimmt würde, glauben an die Existenz von Geheimorganisationen, die im Verborgenen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und sehen in Politiker_Innen nur Marionetten verdeckt agierender Mächte. Xavier Naidoo hat dieser Haltung mit seinem Song „Marionetten“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. Dessen Erfolg verdeutlicht eindringlich, wie weit die Sorge verbreitet ist, wir würden alle einer gezielten Täuschung aufsitzen, wenn wir die Wirklichkeit als das nehmen, was sie ist. Das in postfaktischen Zeiten auch Verschwörungstheorien zu voller Blüte gelangen ist zwar unschön, kann aber bei kurzem Nachdenken nur bedingt verwundern.

In der Matrix

Die Matrix-Trilogie hat in vollendeter Weise mit eben beschriebener Sorge gespielt: Die westliche Moderne mit ihren riesigen Städten, Hochhäusern und Großraumbüros, in der die Menschen ihre so bedeutungslosen wie entfremdeten Existenzen fristen, bis sie irgendwann unbemerkt sterben, ist nichts als eine Täuschung. In Wirklichkeit sind wie längst im 23ten Jahrhundert angekommen, in dem die Maschinen die absolute Herrschaft übernommen haben und in riesigen Farmen Menschen züchten, um ihre Körper als Energiereservoire auszubeuten. Damit sie gefügig bleiben wird ihnen die Illusion ins Gehirn gespeist, sie würden ein Leben in der heutigen Welt leben.
Matrix ist zwar nur ein Film, bringt aber den hinter jeder Verschwörungstheorie steckenden Gedanken exakt auf den Punkt. Die Realität ist nicht das, als was sie erscheint, da sich hinter ihr eine Instanz verbirgt, die sich schamlos auf Kosten der getäuschten Bevölkerung bereichert. Je nach Spielart der jeweiligen Verschwörungstheorie lässt es diese Instanz bei Ausbeutung und Kontrolle bewenden oder zielt letztlich auf die Vernichtung der Bevölkerung. Entsprechend stark sind die meisten Verschwörungstheorien mit Angst und Wut aufgeladen, schließlich ist der Kampf gegen die versteckten Instanzen der Macht eine Frage des Überlebens.

Alles wird gut

Genauer betrachtet versteckt sich hinter der Verschwörungsmentalität aber ein nicht zu unterschätzender Optimismus, gepaart mit einer äußerst starken Tendenz zur Simplifizierung von Wirklichkeit. Es mag ein schwerer Kampf werden, da der Gegner übermächtig ist und die meisten Menschen nicht einmal das Problem verstehen, doch immerhin gibt es eine klar und eindeutig zu benennende Wahrheit. Das bedeutet zweierlei: Zum einen ist es möglich, die Bevölkerung aufzuklären und für die eigene Sache zu gewinnen. Zum anderen brechen mit dem Sieg über die Juden, Freimaurer, Illuminaten, Tempelritter, oder wer sonst noch für die Misere der heutigen Welt verantwortlich sein mag, goldene Zeiten an, in denen die Dinge sind, wie sie sind und die Menschen selbst definieren können, in welcher Welt sie leben wollen. Eine eindeutige Problemdefinition gibt sich hier die Hand mit einer ebenso eindeutigen Problemlösung.

Doch nicht so einfach?

Das dieser Glaube meist mit einem ziemlichen Kater endet, erweist sich bereits nach kurzem Nachdenken. Denn was ist – und wie sollte es anders sein – wenn der Gegner geschlagen ist und die Dinge noch immer so verflixt kompliziert sind und das Leben nicht weniger schwer als gestern? Deswegen gehen die meisten Verschwörungstheorien mit einem Verschiebungsmechanismus einher. Nachdem wir die Tempelritter besiegt haben, müssen wir uns nur noch kurz um die Illuminaten kümmern. Die Nazis hatten nach den Juden bereits die Slawen ins Auge gefasst und hätten die Vernichtungslager wohl eher ausgebaut als abgerissen.
An dieser Stelle kann man viel von der Literatur lernen. Verschwörungstheorien gleichen in ihrem narrativen Aufbau der klassischen Gruselgeschichte. Auch diese basiert auf der Annahme einer Welt (des Übernatürlichen) hinter der wahrnehmbaren Wirklichkeit, die in ihrer Verborgenheit verantwortlich für die Geschicke der Menschen ist. Anders als der Glaube an Verschwörungen sind Gruselgeschichten aber vom Wissen getragen, dass die Existenz des Übernatürlichen nur ertragen, nicht aber beseitigt werden kann.

Komplexität

Mit der Komplexität der heutigen Gesellschaft müssen wir schlicht und einfach klar kommen, sie immer wieder neu durchdenken und sie hoffentlich durch geduldiges, beharrliches Handeln irgendwann überwinden. Es gibt durchaus Dinge, die hinter der Realität liegen. Das freudsche Unbewußte, das Reale, die ontologische Differenz… sie alle strukturieren die Gesellschaft und unser Leben, doch sie werden nicht verschwinden, wenn wir irgend jemanden umbringen. Psychoanalytisch gesehen sind wir in gewisser Weise immer schon gegen uns selbst verschworen und paradoxerweise gibt gerade dies uns den Antrieb, jeden Tag weiter zu machen und nicht von unserem Begehren abzulassen wie Lacan vielleicht sagen würde. Wenn das alles nur eine Verschwörung wäre, die wir morgen aus der Welt räumen könnten, würden wir übermorgen in einer Welt leben, in der wir keinen Anlass mehr hätten, uns auch nur zu bewegen oder einen Gedanken zu fassen.