Die AFD entdeckt den Umweltschutz

Die AFD kann als Partei der Sorge gelten. Es gibt wohl kaum etwas, angesichts dessen sie sich nicht ängstlich den Kopf zerbrechen würde, stets angetrieben von dem Bedürfnis, das Schlimmste eben gerade noch zu verhindern und die Welt zu retten. Die Welt… das ist aus Sicht der AFD natürlich Deutschland. Der Rest existiert vor allem als uniforme Masse des Fremden, von der dunkle Gefahren für die hiesigen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen ausgehen. Da denkt man natürlich vor allem an Flucht und Migration, die das Hauptthema der AFD darstellen.
Doch die AFD ist auch eine umweltfreundliche Partei, die sich um den Bestand der deutschen Flora und Fauna sorgt. So berichtete ein sehr lesenswerter Artikel in der Süddeutschen Zeitung über das Engagement der Partei angesichts der Rückkehr des Wolfes in deutsche Gefilde, wo er aufgrund intensiver Verfolgung lange Zeit ausgestorben war. In einem 4-seitigen Antrag an die Bundesregierung mit dem Namen „Herdenschutz und Schutz der Menschen im ländlichen Raum – Wolfspopulation intelligent regulieren“ bezieht die AFD zu diesem Thema klar Stellung und es ist wert, sich dies ein wenig näher anzuschauen.

Canis Lupus Lupus oder nur ein Mischling?

Der Wolf, so heißt es historisch korrekt, wurde im 19ten Jahrhundert bis zur Ausrottung gejagt. Unter anderem geschah dies aus der Absicht heraus, „Gefahren für Mensch und Haustier zu minimieren“ und damit er den braven Jägersmännern nicht das Wild vor der Nase wegschnappte. Irgendwie ist der Wolf also auch selbst an seiner Ausrottung schuld gewesen. Wäre er nicht so gefährlich und verfressen gewesen, hätte er vielleicht mit heiler Haut davonkommen können. Wen wundert es da, wenn die Rückkehr des Wolfes auch heute noch „großes Konfliktpotential“ birgt, nicht zuletzt noch befeuert durch die Dogmatik einseitig auf Tierschutz bedachter Positionen unbelehrbarer Gutmenschen?
Dabei ist ein Wolf keineswegs immer ein Wolf. Genetische Analysen haben nämlich erwiesen, dass es sich bei untersuchten verendeten Tieren in Wirklichkeit um „Hybriden bzw. Hundemischlinge“ handelt, die sich ihren Schutzstatus unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschleichen. Um dieser hinterhältigen Taktik des von Osten migrierenden Hundewolfs zu unterbinden ist es deswegen notwendig, ein Projekt zur „Neufestlegung des Status der in Deutschland lebenden Wölfe und Wolfsmischlinge“ ins Leben zu rufen. Erst dann kann zwischen dem eventuell schätzenswerten reinrassigen Canis Lupus Lupus und „anderen Unterarten bzw. Mischlingen“ unterschieden werden. Bis dahin gilt es auf jeden Fall aber schon einmal aktiv zu werden und zwar durch die konsequente „Entnahme von Problemtieren und Wolfsmischlingen“ sowie die ebenso konsequente Einführung von „spezifischen Obergrenzen für Wolfspopulationsdichten“, deren Einhaltung durch Abschuss zu sichern ist. Einfach nur ein Canis Lupus Lupus zu sein reicht für den Schutzstatus also keineswegs. Er muss sich auch zu benehmen wissen, der Wolf und zu zahlreich sein darf er auch angesichts der Reinheit seiner Rasse nicht. Reinrassig soll er indes bleiben, denn es müssen effektive Mechanismen entwickelt werden, um „Mischlingsnachkommen frühzeitig zu entnehmen“.

Der Wolf und die Flüchtlinge

Die Süddeutsche Zeitung erkennt in diesen Äußerungen skandalöserweise Parallelen zum Flüchtlingsdiskurs der AFD. Auch hier würde es nichts bringen, auf Statistiken zu verweisen, die dem Problem nach kurzem Draufschauen jede Dringlichkeit nehmen und wohl auch seinen Status als Problem überhaupt nehmen würden. So wurde in den vergangenen 40 Jahren nur ein Mensch von Wölfen getötet und dieser Mensch war eine Pflegerin in einem schwedischen Tierpark. Mit Blick auf die Debatte um Flucht und Migration ist es leicht, auf ähnlich entwaffnende Statistiken zu verweisen: Nur ein kleiner Teil der Geflüchteten kommt überhaupt nach Europa, die meisten suchen Schutz in sicheren Teilen ihres eigenen Herkunftslandes oder in Nachbarländern, usw, usw, usw. Bringen wird das natürlich nichts. Denn wie die Süddeutsche zurecht konstatiert steht hinter dem ganzen Gejammere über Geflüchtete und Wölfe vor allem ein Gefühl: Angst. Und Gefühle, vor allem aber das der Angst, sind irrational.
Interessant ist indes, wie ähnlich die Angst mit Blick auf Wölfe und Geflüchtete ist. In beiden Fällen geht es um die Veränderung des hiesigen „Kulturraumes“ durch Zuzug, die Gefährdung der Sicherheit der Bevölkerung (ökonomisch, kulturell und unmittelbar physisch) und vor allem um die Gefahr subversiver Vermischung. Dieser Angst kann nur durch die Einführung strenger Kontrollen und die Vereindeutigung möglicher Ambivalenzen begegnet werden. Doppelte oder gar unklare Staatsbürgerschaft ist der AFD ebenso verhasst wie ein Hundemischling, der ein Wolf zu sein behauptet.

Nächster Parteitag in Innsmouth?

Viele Leser und Leserinnen moderner Horrorliteratur werden sich bei den verbalen Delirien der AFD vielleicht an die Geschichten H.P. Lovecrafts erinnert fühlen. Der schrieb in seinem Essay „Literatur der Angst“: „Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“ Die AFD betrifft dies in zweierlei Weise. Einerseits weiß sie nur zu gut um den Stellenwert der Angst und setzt sie entsprechend umfassend und intensiv als Hebel ihrer politischen Anliegen ein. Genauer hinschauend ist sie andererseits aber auch von diesem Gefühl zerfressen. Sie ist die wohl angstgetriebenste Partei im Parteienspektrums Deutschlands. Jedes ihrer Wahlplakate könnte ebensogut auch schlicht das Wort „Angst“ zeigen, ohne das es zu wesentlichem Bedeutungsverlust käme.
Das hinter der Angst vor Vermischung, Zweideutigkeit, Hybridität, der Rassismus steckt, zeigen die Geschichten H.P. Lovecrafts mehr als eindrücklich. Lovecraft war bekanntermaßen Rassist und Antisemit. In einer seiner bekanntesten Erzählungen, „Schatten über Innsmouth“ beschreibt er folgendes Szenario. Innsmouth ist eine alte Kleinstadt, die schon seit langem nur noch selten von „Fremden“ besucht wird, weil die „Einheimischen“ als seltsam und abstoßend gelten. Denn im Laufe ihrer Geschichte haben die Bewohner von Innsmouth sich mit menschenähnlichen Wesen aus dem Meer vermischt, wodurch sie nun sowohl an Land wie im Wasser leben und zu Hybriden geworden sind. Zum Schluss des Romans wird das Riff vor der Stadt vom Militär torpediert, um die verworfene „Spezies“ ein für alle Mal auszurotten.

Und das Problem ist…

 

Spannend an Lovecrafts Erzählung ist weniger ihr Inhalt als ihre unhinterfragten Voraussetzungen. An keiner Stelle unternimmt er es, seinen Lesern und Leserinnen zu erklären, was eigentlich das Problem des Zusammenlebens der Meerwesen und den Bewohnern Innsmouths ist. Prinzipiell ist das doch eine spannende Sache. Da kommen menschenähnliche Wesen vom Boden des Meeres an die Oberfläche, unterhalten sich mit einem, sind obendrein noch gut im Bett und die Kinder können anschließend schwimmen und tauchen wie Fische. Von den kulturellen Reichtümern und dem Wissen dieser „Anderen“ einmal ganz abgesehen. Aber nein. Für Lovecraft ist schon allein die Vorstellung einer Vermischung an sich von Übel und wird nichts hervorbringen als Dekadenz, Verfall und Bosheit.
Den tieferen Grund dieser Angst zu finden würde bedeuten, die Psychologie des Rassismus zu verstehen. Die Angst vor allem, was mit eindringen, vermischen und verändern zu tun hat, spielt eine immense Rolle in der psychischen Seite des Rassismus. Dies legen die Ängste vor dem Wolf nicht weniger nahe als Lovecrafts Traumwelten. AFD Mitglieder würden sich bei der Lektüre Lovecrafts wahrscheinlich zu Tode fürchten. Man hört sie schon schreien: „… oh! nein!… der böse Cthulhu kommt!. Packt die Knarren aus! Schießbefehl an der Grenze!“ Vielleicht geht diese Angst auf die mangelnde Fähigkeit zurück, mit dem „Anderen“ in uns selbst zurecht zu kommen? Und vielleicht wird dieses „Andere“ auf den zum Anderen erst gemachten Anderen in all seinen möglichen Spielarten projiziert, von wo es dann als verfolgender Schatten über das Subjekt der Projektion hereinbricht? Lovecraft zumindest hatte soviel Angst vor sich und den Anderen, dass er sich kaum aus dem Haus traute. Das trennt ihn unglücklicherweise von seinen Brüdern und Schwestern im Geiste bei AFD und PEGIDA.