Alles eine Konstruktion

Auf den ersten Blick könnte das Leben in Zeiten der Postfaktizität einem vorkommen, als würde man sich in einem wissenschaftlich sanktionierten Universum befinden. Schließlich hat der noch heute in vielen Disziplinen beliebte radikale Konstruktivismus bereits vor einigen Jahrzehnten den Tod der Wirklichkeit ausgerufen. Was uns von der Welt bekannt ist, basiert auf Wahrnehmungen, die durch Sinnesorgane und Gehirn bearbeitet werden. Mithin ist das, was wir vorschnell für die Wirklichkeit selbst halten, stattdessen eine Konstruktion. In jedem Einführungskurs in die Geistes- und Sozialwissenschaften tummeln sich heute Studierende, die in jeder Diskussion auf den Konstruktionscharakter der gerade diskutierten Materie verweisen, um anschließend die im Hintergrund wirkenden psychischen, politischen oder sozialen Mechanismen zu analysieren, die uns zu dem Gedanken verführen, wir würden etwas wie Realität wahrnehmen.
In gewisser Weise kann man Postfaktizität als “realen Konstruktivismus” sehen (wie es auch mal den “realen Sozialismus” gab) . Wenn eh alles eine Konstruktion darstellt, gibt es weder Wahrheit noch Lüge und die Welt wird zu einem beliebig verformbaren Diskursprodukt. Und ausgehend von einer Kultur, die dem Gedanken verhaftet ist, in letzter Instanz sei alles eine Konstruktion, lässt sich gegen diesen pragmatischen Ansatz im Umgang mit der Wirklichkeit kaum etwas einwenden. Schließlich müsste man zu diesem Zweck das postfaktisch Behauptete mit etwas wie der Wahrheit oder den Tatsachen vergleichen. Doch allein die Verwendung dieser Begriffe bringt einem heute in den Augen vieler Zeitgenossen und Zeitgenossinnen bereits den Vorwurf unterkomplexen Denkens ein. Da bleibt von der Kritik dann nichts als der Verweis darauf, die Konstruktionen der anderen würden einem nicht gefallen und das ist selbst irgendwie… ja genau… postfaktisch.

Die Ideologie

Die Idee des radikalen Konstruktivismus kam wie bestellt. Wo der Neoliberalismus die Menschen im Namen der Selbstverantwortung immer mehr in die Isolation treibt (oft auch Individualisierung genannt), ihnen den Schutz größerer sozialer Einheiten (Sozialstaat, Sozialversicherung, Kirchen, etc.) entzieht und ihnen obendrein noch die Verantwortung für sozial verursachte Probleme zuspricht (Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit, Diskriminierung, etc.), da ist eine Ideologie, die dem Denken seinen kollektiven Charakter nimmt, um es stattdessen als Ausdruck subjektiver Befindlichkeiten zu verstehen, das Gebot der Stunde. Was die einen als Problem sehen, betrachten andere als Herausforderung, wo die einen aufgeben, werden die anderen erst warm, wo die einen sich gefordert fühlen, gedenken andere dankbar der Förderung. Man muss immer den Einzelfall betrachten, wir sind alle Individuen, jeder blickt von einem anderen Standpunkt auf die Welt. Bla, bla, bla…
Was heute unter dem Begriff der Postfaktizität Schlagzeilen macht, ist vielleicht nicht mehr als eine neue Schattierung der Allgemeinplätze, die uns der Erfolg des Konstruktivismus als Ideologie beschert hat.
Doch es gibt hier ein Problem. Eigentlich mehrere. Zunächst kann die Aussage, es gäbe keine Wahrheit, nur dann Relevanz für sich beanspruchen, wenn sie selbst als wahr gelten kann. Dies aber führt in einen unauflöslichen performativen Widerspruch, da die Feststellung, Wahrheit sei eine Fiktion nur als wahr gelten kann, wenn sie selbst eine Fiktion ist, womit ihr dann allerdings jede Form von Relevanz abgeht. Das scheint auf den ersten Blick ein logischer Taschenspielertrick zu sein. Es hat aber unmittelbar praktische Relevanz. Die meisten Anhänger und Anhängerinnen des radikalen Konstruktivismus hängen an der Wahrheit ihrer zentralen These als wären sie in eigentlich orthodoxe Marxisten und Marxistinnen.

Pommes mit Schnitzel

Charles Bukowski sagte einmal über Albert Camus, er würde schreiben wie ein Mensch, der gerade ein Schnitzel mit Pommes gegessen hätte. Mit der Ideologie
von Konstruktivismus und Postfaktizität verhält es sich durchaus ähnlich. Ihre Möglichkeitsbedingung liegt in einer Gesellschaft, in der die Tatsache, es bei Menschen mit verkörperten Wesen zu tun zu haben, weitgehend aus dem Blick geraten ist. Der Körper taucht heute überwiegend als kulturelles Artefakt auf, vor allem der weibliche. Er braucht ein bestimmtes Aussehen, eine ihm eigene Sprache, ein genau definiertes Gewicht und natürlich gibt es individuell (was sonst?) abgestimmte Angebote, um all dies zu erreichen und im Zielbereich der Norm zu bleiben. In diesem Sinne ist der Körper heute wirklich eine Konstruktion.
Und dann, ja dann… sitzt man mit pochenden Schmerzen beim Zahnarzt oder der Zahnärztin und hat Angst vor der unmittelbar anstehenden Wurzelbehandlung. Oder man streift auf der Suche nach einem Klo verzweifelt über den Bahnhof, damit es in der S-Bahn kein Unglück gibt und gerät langsam in Panik, wenn man statt offenen Türen schließlich auf ein Schild für Bauarbeiten stößt. Was sich in solchen Momenten zeigt, ist der Körper selbst, frei von ideologischer oder kultureller Überwölbung, wie er sich mit aller Macht querstellt und sein Recht einfordert. Das wir dies so überaus selten spüren, erklärt nicht nur den riesigen Erfolg von Sportarten wie MMA. Das ganze Gerede von “Das muss man immer alles individuell betrachten” hat hier seine Wurzel. Dass eine Strömung wie der radikale Konstruktivismus zur dominierenden Ideologie werden und schließlich als Postfaktizität die Alltagskultur dominieren kann, basiert auf einem ungemeinen Verlust körperlicher Sinnlichkeit. Diese zurückzuerobern und durch den Körper, den wir miteinander teilen, wieder Zugriff auf eine geteilte Welt zu erlangen, ist eine unverzichtbare Voraussetzung der Befreiung.