Shutdown!

Wir haben es in den letzten Tagen alle in den Medien mitbekommen: Trump will noch immer auf Gedeih und Verderb seine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, was aktuell zu einer Patt-Situation hinsichtlich der Verabschiedung des neuen Haushalts und damit zum Shutdown führt. Aber es soll auch eine schöne Mauer werden und so groß wird sie gar nicht sein. Während die Grenze zu Mexiko 3200 Kilometer lang ist, soll die Mauer sich nur 1400 Kilometer hinziehen. Den Rest besorgen von Trump als „brutal und böse“ bezeichnete Berge und Flüsse, in denen die Leute verhungern, von Schlangen gebissen werden oder ertrinken. Zumal soll die Mauer durchsichtig sein, damit die Grenzbeamter und – beamterinnen Kriminelle bereits erkennen, wenn sie sich noch auf der mexikanischen Seite befinden. Und sie soll mit Solarzellen bestückt sein und damit gleichzeitig als großes Kraftwerk dienen. Zwar ist die Zaunanlage zur mexikanischen Grenze schon heute 965 Kilometer lang, doch mit einer solchen Mauer kann sie einfach nicht mithalten. Da muss man Trump schon verstehen.

„Tear down these wall!“

Geschichtlich betrachtet ist Trumps Energie beim Mauerbau nicht ohne Ironie. Noch 1987 hatte Ronald Reagan in einer Rede am Brandenburger Tor folgende zu Berühmtheit gelangte Worte verkündet:

> Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie Frieden suchen, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und Osteuropa suchen, wenn Sie Liberalisierung suchen, kommen hier zu diesem Tor. Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!

Diese Worte wurden von nicht wenigen ebenso belächelt wie Trumps Träumereien über eine zugleich durchsichtige und mit Solarzellen bestückte Grenzmauer, von deren Höhe man betrachten kann, wie verarmte südamerikanische Flüchtlinge von den Wassern der Grenzflüsse hinweggespült werden. Worauf dieses ganze Gerede im Kern verweist, ist ein sehr eigenwilliges Verhältnis der heutigen Gesellschaft zu Mauern jeder Art. Mauern müssen dabei keineswegs immer aus Stein und Beton sein, wie die Rede von der Festung Europa eindringlich veranschaulicht. Trump ist nur der erste, der nicht davor zurückscheut, den bislang unsichtbaren Mauern architektonische Konsequenzen folgen zu lassen.

Was macht eine Mauer?

Aus der Perspektive derjenigen, die eine Mauer bauen, schließt selbige etwas aus und zugleich etwas anderes ein. Von der anderen Seite aus betrachtet verhält es sich freilich anders herum: Während andere sich einschließen, wird man selbst ausgeschlossen. Mauern markieren nicht nur eine geographische Grenze, sondern zugleich auch eine Grenze zwischen einer imaginären Wir- und einer nicht weniger imaginären Sie-Gruppe. Die US-amerikanische Bevölkerung gegen die südamerikanischen Flüchtlinge, die Europäer gegen die Afrikaner. Damit folgt die Mauer der Logik der Identität. Jede Form stabiler Identität beruht auf dem Ausschluss dessen, was sie nicht ist. Ein Mann ist keine Frau, ein Weißer kein Schwarzer, ein Europäer kein Araber. Das führt natürlich zu einem Problem. Die männliche Angst vor Verweiblichung belegt eindrücklich, wie sehr das Ausgeschlossene die Identität in Form eines Schattens verfolgt. Immer wieder muss das Männliche sich vom Weiblichen abgrenzen, das Europäische vom Arabischen und niemals ist dieser ständige Kampf mit dem, was man nicht ist, wovon man sich abgrenzt, um man selbst zu sein, endgültig gewonnen. Genau hier kommt die Mauer ins Spiel. Sie soll dieser ständigen Gefährdung der Identität ein endgültiges Ende setzen. Wenn sie erst steht, hoch, mächtig, ständig bewacht, dann, ja dann, wird dieser Schatten des Anderes verschwinden.

Traumlande

Die Mauer ist damit ein zentrales Element zur Aufrechterhaltung einer Illusion, der Illusion einer Welt, in welcher der Andere keine Herausforderung für die eigene Identität darstellt. Aus diesem Grund muss sie auch keineswegs aus Beton sein, sondern kann ebensogut in Form einer kollektiven Narration (die Rückständigkeit des Islam) oder einer gesellschaftlichen Haltung existieren (Alltagsrassismus). Wenn die restliche Welt hinter einer hohen Mauer verschwindet, um sich in eine irrelevante, amorphe Masse zu verwandeln, kann die Wir-Gruppe endlich in Frieden leben und unter sich das schützende Gefühl einer unhinterfragten Identität genießen. So betrachtet macht Trump nichts, was nicht sämtliche europäischen Politiker und Politikerinnen mit ähnlichem Eifer machen würden. Nur macht er es wie immer ein bisschen weniger subtil (ob das gut oder schlecht ist, mag jeder und jede selbst beurteilen). Was die Mauern dieser Welt garantieren sollen, ist die Existenz eines friedlichen postfaktischen Raums, in dem es die Figur des Anderen nicht gibt, um der Geborgenheit und Sicherheit einer Welt Platz zu machen, die sich ausschließlich aus so Bekanntem wie Vertrautem zusammensetzt und vollkommene Sicherheit verheißt.

Woher all die Wut?

Spannend ist hierbei natürlich wieder einmal, warum es den Menschen in dieser postfaktischen Welt in den meisten Fällen so schlecht geht. So ziemlich jedes Wahlplakat der AFD lässt sich mit dem simplen Wort „Angst“ übersetzen und die Rassisten und Rassistinnen dieser Welt wirken alles andere als beruhigt. Das hat zunächst einen ganz einfachen Grund: Die schöne postfaktische Welt ohne all die störenden Anderen muss erst noch geschaffen werden und dummerweise ist das gar nicht so leicht, weil die Welt immer noch voller gefährlicher Gutmenschen ist, die einfach nicht merken, welch schönem Utopia sie sich widersetzen und die auszuschließenden Anderen einfach nicht aufhören wollen, in „unsere“ Welt einzufallen, auch wenn sie auf dem weg hierhin zu tausenden sterben. Das Utopia des Rassisten ist immer das Utopia einer äußerst unsicheren Zukunft, die vielleicht niemals eintreten wird, damit das Leben auch weiterhin ein vom Anderen heimgesuchtes Jammertal bleibt. Doch es gibt noch einen schwerwiegenden Grund als diesen. Wie die Psychoanalyse lehrt, kehrt das Verdrängte ständig zurück. In Form von Träumen, Versprechern, Wünschen, Neurosen und Psychosen sucht es uns heim und macht einen Anspruch geltend, dem man sich nicht entziehen kann. Genau so ist es mit den Mauern dieser Welt. Die Figur des Anderen lässt sich nicht durch eine Mauer ausschließen, selbst wenn es gelingen sollte, jeden Flüchtling an der US-amerikanischen oder europäischen Grenze abzufangen und zurückzuschicken. Jede Identität ist immer schon vom Anderen durchkreuzt und nicht bei sich selbst. Und genau das ist es, womit die Trumps dieser Welt nicht klarkommen. Eine Mauer wird da freilich wenig helfen. Ganz im Gegenteil wird sie die Angst befeuern, da sie die Sorge beschwören wird, nicht ausreichend Schutz gegen das zu bieten, wovor es keinen Schutz gibt.