Die gute alte Autobahn

„Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn“. So hieß der Blog von Georg Seeßlen. Das ist vielleicht nicht der beste Titel, um von Google gefunden zu werden, zumal von den richtigen Leuten, doch bringt er eine alte deutsche Wahrheit auf den Punkt. Noch heute gehen nicht wenige so weit, den Nationalsozialismus mit Blick auf die Autobahnen zu relativieren. Schließlich haben sie den Leuten Arbeit gebracht und können bis zum heutigen Tag mit beliebiger Geschwindigkeit befahren werden. Das die Autobahnen entweder von Westen nach Osten oder von Norden nach Süden verlaufen und damit ein Teil der Kriegsvorbereitungen gegen Polen und Frankreich waren – das interessiert dann schon weniger. Schließlich liegen sie so schön da, lasziv in die Landschaft gestreckt, wie eine Einladung, sich einfach mal gehen zu lassen und an nichts anders zu denken, als die süße Verschmelzung mit dem geliebten Auto. Das hat in Deutschland Tradition und deswegen gibt es hierzulande auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ebenso wie es in den USA als Freiheit gilt, an jeder Ecke vollkommen legal eine Knarre kaufen zu können, ist das deutsche Freiheitsverständnis innig mit dem unregulierten Gas geben auf der Autobahn verknüpft (nicht umsonst ist „Gas geben“ eine deutsche Redensart, wenn auch geschichtlich betrachtet eine befremdliche).

Spielverderber und Gutmenschen

Nein, diesmal waren es ausnahmsweise nicht die Flüchtlinge! Diesmal war es die Klima-Arbeitsgruppe der Bundesregierung, von der man eigentlich keinen großen Aufreger erwartet hätte. Einer ihrer Vorschläge bestand darin, auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit von 130 einzuführen. Naheliegend. Besserer Verkehrsfluss, weniger Staus, weniger Benzinverbrauch, weniger Emissionen und weniger Unfälle obendrein. Außerdem halten es die übrigen Staaten dieser Welt bereits seit langem so.

World_Speed_Limits_Weltweite_Tempolimits_Karte_Map-01_01

Die Karte übertreibt ein wenig. Auf der Isle of Man gibt es ebenfalls kein Tempolimit. Und auch in einigen Ländern Asiens und Afrikas, darunter Afghanistan, Burundi, Nepal, Nordkorea und Somalia. Die haben allerdings in den meisten Fällen Straßen, auf denen man es aufgrund ihres Zustandes tunlichst unterlassen sollte, 250 zu fahren. In Nordkorea gibt es nicht mal Sprit, es sei denn für Militärparaden und Mitglieder der Herrscherfamilie. Deutschland in der Lage des gallischen Dorfes zu sehen (Asterix und Obelix) ist verwirrend und will sich so gar nicht mit dem öffentlichen Bild von Deutschland vertragen. Wie sagte Lenin angeblich? „Bevor die Deutschen einen Bahnsteig besetzen, kaufen sie sich eine Fahrkarte.“ Und auch die berühmte „German Angst“ sollte es eigentlich nicht zulassen, schneller als Schrittgeschwindigkeit zu fahren.

Gegen jeden Menschenverstand

Wenn ausgerechnet ein CSU Politiker wie Andreas Scheuer sich lautstark in die Bresche wirft und die Pläne der Klima-Kommission als „gegen jeden Menschenverstand“ bezeichnet, macht das natürlich hellhörig. So ziemlich jedes Land der Erde, die Hälfte der deutschen Bevölkerung (laut Umfragen) und dazu noch die des Gutmenschentums wohl unverdächtige Gewerkschaft der Polizei – sie alle verletzten den Menschenverstand. Das ist immerhin mal eine kurzweilige These, die zudem intellektuell komfortabel überschaut werden kann.
Was die Deutschen an ihren Autos gefressen haben, ist wohl kaum abschließend zu klären. Dass sie eine innige Verbindung mit ihnen unterhalten, ist indes unzweifelhaft, schließlich geben nicht wenige Deutsche mehr für ihr Auto als für ihr Essen aus. Da es nicht ratsam ist, sich mit Menschen anzulegen, die sich durch eine derartige Prioritätenverteilung auszeichnen, ist offensichtlich auch einem Andreas Scheuer klar. Finger weg von den Autofahrern, alles andere könnte zu Widerstand führen und nicht einmal die CSU sitzt noch sonderlich komfortabel im Sessel. Entsprechend wird am Rasen mit dem Verweis festgehalten, die ständige staatliche Gängelung der Menschen würde sich für einen so freiheitlichen Staat wie Deutschland nicht geziemen. Freie Fahrt für freie Bürger, wie es so schön heißt.

Freiheit!

Das kommt ein wenig unerwartet. Die CSU ist gegen die Gängelung der Bürger und Bürgerinnen. Das ist ansonsten eigentlich nicht der Fall. Vielleicht sollten sich die Hartz-4 Abhängigen, Flüchtlinge oder prekär Beschäftigten einmal nach Bayern wenden und darauf verweisen, wie sehr sie durch unnötige Regelungen davon abgehalten werden, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Dann käme vielleicht alsbald ein Dobrindt, Scheuer oder Söder um die Ecke und würde sich der Sache annehmen. München wird wieder eine Räterepublik. Bleiberecht und Wohlstand für alle!
Das ist in etwa genauso wahrscheinlich, als dass die CSU sich morgen zum kommunistischen Manifest bekennt. Die Liebe zum Auto sagt jedoch viel über das Freiheitsverständnis der heutigen deutschen Gesellschaft. Dass man sich frei fühlt, wenn man mit 250 durch die Landschaft prescht, ist durchaus nachzuvollziehen. Allerdings hängt die mit dem Auto verbundene Freiheit realistisch betrachtet eher von der Frage ab, wohin die Reise geht. Und die dürfte wohl meistens auf dem Firmenparkplatz und der Aussicht auf einen Tag im Büro oder in der Fabrik enden und mitnichten im Reich der Freiheit. Dieses liegt auf der Autobahn zwischen dem Zuhause und der Arbeit und bleibt damit im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke. Was zählt ist in bester postfaktischer Manier das Gefühl und den Menschen auch noch dieses Gefühl von Freiheit zu nehmen, ja das wäre wirklich „gegen jeden Menschenverstand“. Denn wo sich schließlich gar die „Freude am Fahren“ verflüchtigt, bleibt nichts als der unverstellte Blick auf eine Gesellschaft, die immer mehr zu vergessen droht, was Glück und Muße sind, um statt dessen in ihrer Tristesse zu versinken.