Gar nicht so leicht. Oder doch?

Toleranz gilt als positive Eigenschaft und richtig verstanden ist sie das auch. Mehr denn je ist heute von ihr die Rede, wo die AFD zweistellige Ergebnisse einfährt und politisches Engagement sich vorzugsweise dort erhebt, wo es sich gegen Minderheiten wie Flüchtlinge richten kann. Umgangssprachlich wird unter Toleranz meistens eine Mischung aus Offenheit und gewähren lassen verstanden, getragen von der Erkenntnis der Freiheit des Anderen und den vielfältigen Möglichkeiten der Ausübung dieser Freiheit. Die Freiheit findet ihre Grenze diesem Verständnis erst nach in der Freiheit des Anderen.

In Berliner Touristenführern heißt es immer wieder gerne mal, der Görlitzer Park in Kreuzberg sei ein Ort der Toleranz. Dort Muslimas in so lange wie weite Kleider gehüllte Muslimas mit Kopftüchern, ein wenig weiter turtelnde Liebespaare auf Decken und mittendrin noch oben ohne sonnenbadende Frauen. Spätestens wenn man ein paar Mal durch diesen oder vergleichbare Parks gegangen ist, beschleicht einen allerdings der Verdacht, die Möglichkeitsbedingung dieser friedlichen Koexistenz könne vielleicht weniger in Toleranz als in Gleichgültigkeit liegen. Und natürlich ist einiges an diesem Gedanken dran. In den meisten Fällen bedeutet tolerieren heute ignorieren und markiert damit die mit der viel bejubelten Individualisierung einhergehende Gleichgültigkeit gegenüber anderen.

Damals… im 16ten Jahrhundert

Um diesen Trend zu bezeichnen, schrieb Marcuse 1966 seinen berühmten Aufsatz über die „Repressive Toleranz“. Wo Toleranz vor allem bedeute, die Widersprüchlichkeiten der Gesellschaft zuzukleistern, verwandelt sie sich Marcuse zufolge in ein Mittel der Repression, das eigentlich unerträgliche Zustände aufrechtzuerhalten hilft, indem es die aus diesen resultierenden kognitiven Dissonanzen glättet. Dass es heute vor allem Rechte sind, die sich als verfolgte Minderheit inszenieren, um im nächsten Atemzug Toleranz einzufordern und nicht wenige Menschen aus der angeblichen politischen Mitte diese Pille schlucken, gibt eine gute Vorstellung davon, welche Form und Relevanz repressive Toleranz auch heute besitzt. Wie ein Blick auf die Wortbedeutung des Begriffs Toleranz zeugt, musste viel geschehen, bis der Begriff auf seinem heutigen Niveau ankam.

Toleranz_EtymologieDie Definition ist dem „Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entnommen. Mit Toleranz in Zusammenhang stehende Begriffe wie dulden oder ertragen weisen deutlich darauf hin, wie schwer Toleranz eigentlich ist, denn der Begriff markiert nicht weniger als einen friedfertigen und respektvollen Umgang mit Menschen, von denen uns zentrale Überzeugungen trennen. Dass Toleranz sich aus diesem Grund zunächst einmal auf die Religion des Anderen bezog, verwundert angesichts dessen kaum noch, schließlich spielte selbige im 16ten Jahrhundert eine, wenn nicht die, zentrale Rolle im Leben der Menschen.

 

Die Rechten entdecken die Toleranz

Doch mit der Verflachung und der Einspannung in repressive Techniken des Regierens ist es noch lange nicht vorbei. Aktuell wird der Begriff gerade von Rechten entdeckt und wenn nichts geschieht werden sie diesen Begriff in kurzer Zeit nicht minder dominieren als viele andere (Identität, Beliebigkeit, Medienkritik…). Das macht nun aber doch ein wenig stutzig. Rechte sind doch immer die Intoleranten gewesen, wohingegen den Linken die Toleranz vorbehalten war, dieses gewisse Savoir-vivre, verglichen mit dem alle anderen, insbesondere wenn sie wie in den 90er noch Springerstiefel und Bomberjacken trugen, einfach nur zum Gähnen waren.

Die rechte Variante der Toleranz heißt Ethnopluralismus. Micha Brumlik hat einen ganz famosen Artikel darüber geschrieben, wie das genau funktioniert. Die Kurzversion erklärt durch einen oder eine ethnopluralistisch informierte Rechte: Wenn die Linken von Interkulturalität, Diversität, Transkulturalität oder Hybridität träumen, übersehen sie die Folgen der aus diesen Konzepten folgenden Vermischung der Kulturen. Sobald sich die deutsche und die türkische Kultur einander annähern, weil viele Türken in Deutschland leben, sie hier zudem noch ihren islamischen Glauben ausleben und dieser zudem noch offiziell anerkannt wird, dann wird aus diesen beiden Bevölkerungsgruppen irgendwann ein amorpher kultureller Einheitsbrei hervorgehen, der weder deutsch noch türkisch ist, in dem aber beide „Völker“ mitsamt ihrer Kultur verschwinden. Die Gegenstrategie liegt auf der Hand. Migration sollte streng kontrolliert und Vermischung von Kulturen soweit als möglich vermieden werden. Allerdings nicht, weil andere Kulturen oder die in ihnen lebenden Menschen minderwertig sind, sondern weil jede Kultur Achtung verdient hat und Luft zum atmen braucht, wenn sie weiterhin erblühen soll. Und genau diesen Umstand anzuerkennen und entsprechend zu handeln bedeutet wahre Toleranz, ganz im Unterschied zur Blindheit all der Gutmenschen, die, würde man sie denn gewähren lassen, morgen schon alle Kulturen dieser Erde zum Verschwinden bringen würden.

Und dann auch noch hip!

Zweifellos ist Ethnopluralismus in hohem Maße kompatibel mit Islamophobie, Antiziganismus und Antisemitismus, den seit jeher zentralen Ingredienzen rechten Denkens. Doch wo die klassische Rechte sich einfach von ihrer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit leiten ließ, schiebt die neue Rechte einen anderen Aspekt in den Vordergrund. Das Judentum und der Islam haben wertvolle Kulturen begründet (wenn vielleicht auch nicht ganz so krass geile wie die deutsche) und gerade aus diesem Grund gilt es sie ebenso wie die deutsche Kultur vor Vermischung und Nivellierung zu schützen. Erst dann, ja dann, wird ein interkultureller Dialog möglich, aus dem die Völker dieser Erde einen wechselseitigen Vorteil ziehen können.

Was nie möglich war, wird es jetzt und das hat folgenschwere Konsequenzen für die Anziehungskraft rechten Denkens. Wo es in den 80ern und 90ern zweifellos schon zahlreiche Nazis gab, führten diese doch ebenso wie NPD und Kameradschaftsszene ein Dasein am Rande der Gesellschaft und waren in den Augen der meisten Menschen nicht ganz ernst zu nehmen (auch wenn es hier immer wieder wie in Rostock-Lichtenhagen zu Überschneidungen und Verbrüderungen kam). Die Protagonisten der Szene waren irgendwie steiflich, ein wenig dümmlich und hatten vor allem einen riesigen Stock im Arsch. Das ist jetzt vollkommen anders. Die modernen Rechten nehmen den Begriff der Toleranz ein, individualisieren sich, diversifizieren sich und tragen schon lange keine Springerstiefel mehr. Ein, wie Alice Weidel das mal in einem Werbespot nannte, „junger Wilder“ in der rechten Szene zu sein, ist heute durchaus ein anziehendes und vor allem auch cooles Identitätsmodell. Wenn das so weiter geht, wird die rechte Szene irgendwann als offen, tolerant und bunt gelten, nicht weil sie irgendeines dieser Adjektive inhaltlich füllen würde, sondern weil es ihr gelungen ist, heute noch als links oder liberal geltende Begriffe zu erobern.

Das Rückenmark reicht!

Gehört die Toleranz also auf den Müllhaufen der Geschichte? Keineswegs. Zunächst einmal gilt es sich und anderen immer wieder bewußt zu machen, worauf die ethnopluralistisch invertierte Form der rechten Toleranz im Herzen beruht: Auf einem Begriff der Identität, der einseitig durch die Zugehörigkeit zu einem abstrakten Kollektiv definiert wird, das entweder als Nation oder Volk erscheint. An dieser Stelle fällt einem unweigerlich das berühmte Zitat von Einstein ein:

Wenn jemand Freude daran hat, bei Musik in Reih’ und Glied zu marschieren, dann verachte ich ihn schon deswegen, weil er sein Gehirn nur wegen eines Irrtums bekommen hat; ein Rückenmark hätte gereicht.

Da Identität eng mit Individualität verknüpft ist, stellt ein einseitig kollektiv definierter Begriff von Identität einen Widerspruch dar, von dem das rassistische Subjekt innerlich ausgehöhlt wird. Rechte Metal-, Rock-, oder sogar Rapbands befinden sich damit in einem performativen Widerspruch. Während sie die individuellen Vertreter einer Subkultur (in der es praktisch keine Frauen gibt) mimen, treten sie gleichzeitig für eine Ideologie ein, die ein streng kollektives Verständnis von Identität vertritt und für einen Ameisenstaat eintritt, in dem jeder und jede genau an seinem und ihrem Platz ist und nirgendwo anders.

Und die Toleranz?

Und hier wird es nun wirklich schwierig. Natürlich ist es alles andere als toll, sich mit Rechten zu unterhalten oder sich ihre Reden anzuhören. Es macht einen wütend, verzweifelt und empört immer wieder aufs Neue. Doch unglücklicherweise sind die Zeiten wohl vorbei, da man die Rechte einfach ignorieren konnte. Wenn die AFD laut Forschungsgruppe Wahlen bei 14% liegt und rechte Einstellungsmuster bis weit in die Mitte der Gesellschaft reichen, führt an Menschen mit entsprechender Gesinnung kein Weg mehr vorbei. Es ist notwendig, mit ihnen zu sprechen, schon allein, um ihnen die Inszenierung als Opfer zu vermiesen, aber auch, um ihre Widersprüche aufzudecken, ihren Diskurs zu verstehen und nachzuvollziehen, wie sie ticken. Nur auf diese Weise wird man ihnen effektiv begegnen können.

Und damit sind wir bei Toleranz in ihrer anspruchsvollsten Bedeutung. Nicht als gutheißen, nicht als gewähren lassen oder dulden, sondern als das Aufrechterhalten der Beziehung zu Menschen, die Standpunkte vertreten, die wir unerträglich finden, als ertragen. Gleichzeitig aber gilt es, sich immer wieder Marcuses Hinweis zu erinnern, Toleranz könne auch repressiven Charakter annehmen. Sich mit Rechten auseinanderzusetzen kann aus diesem Grund nicht bedeuten, ihnen Zugeständnisse zu machen oder anderweitig entgegenzukommen. Vielmehr müssen sie in diesem Kontakt immer wieder erneut auf ihren Widersprüchen festgenagelt und als Vertreter und Vertreterinnen einer menschenverachtenden Ideologie identifiziert werden. Was wir brauchen, ist eine intolerante Form der Toleranz. Alles andere ist Gleichgültigkeit und Distinktion.