Nicht vergessen… die Macht!

Hannah Arendt vertrat eine so einfache wie eindrucksvolle Konzeption von Macht. Macht entsteht ihr zufolge dort, wo Menschen in der Öffentlichkeit zusammenkommen, um über die Frage zu beraten, wie sie miteinander leben oder bestimmte Probleme lösen wollen. In ihrer kleinen Schrift „Macht und Gewalt“ formuliert Hannah Arendt eine wunderschöne Definition dessen, was sie unter Macht versteht:

„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält.“

Dieser Aspekt des Gemeinschaftlichen ist es, der die Macht von der Gewalt unterscheidet. Gewalt ist eng mit der Stärke verwandt, die immer einem einzelnen Menschen zukommt. Doch erweitert sie die Fähigkeiten der Stärke durch den Gebrauch von Werkzeugen (Wasserwerfern, Schusswaffen, Knüppeln, usw.), um ihr zu noch größerem Nachdruck zu verhelfen. Wo Macht also auf die Kooperation der Vielen angewiesen ist, kann die Gewalt ebenso gut auf den Schultern von wenigen Menschen ruhen, sofern diese in der Lage sind, die Mittel der Gewalt effektiv zu kontrollieren und einzusetzen.

Öffentlichkeit oder Öffentlichkeiten? Weder noch!

Diese in ihrer Einfachheit so trennscharfe Unterscheidung zwischen Macht und Gewalt gelangt in Zeiten von Facebook, Google+, Instagram, usw. zu ungemeiner Bedeutung. Denn implizit erklärt Hannah Arendt mit ihrer Definition die Existenz einer funktionierenden Öffentlichkeit zur Möglichkeitsgrundlage von Macht. Nur wenn Menschen zusammenkommen, um im Einvernehmen miteinander zu handeln (wobei Sprechen durchaus auch ein Handeln ist), kann Macht entstehen. Aufgrund dessen erfüllt die Existenz eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks (von Sarah Wagenknecht vor kurzem noch in bester AFD-Manier als „Regierungsrundfunk“ deklariert) z.B. trotz aller Kritik eine wichtige Funktion für die Existenz einer funktionierenden Öffentlichkeit. Alle haben die Möglichkeit, sich zu informieren und basierend auf den gleichen Informationen miteinander ins Gespräch zu treten.

Doch vieles hat sich verändert. Die Menschen sind von GEZ-Gebühren nicht zuletzt deshalb so genervt, weil die meisten von ihnen heute andere Kanäle nutzen, um sich zu informieren. Das ist an sich kein Problem und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwächst daraus die Pflicht, sich auf die verändernden technischen Voraussetzungen des heutigen Medienkonsums einzustellen. Von großer Gefahr ist allerdings das Phänomen von Echokammern, das sich im Fahrwasser dieser Entwicklung herausbildet.

Ist das kuschelig hier!

Eine Echokammer entsteht dort, wo Menschen sich überwiegend oder ausschließlich über die sozialen Medien informieren. Das heißt, sie lesen Artikel, die ihre Freunde posten, teilen Artikel vom gleichen Schlag, schauen Videos, die andere vorschlagen und machen diese gleichzeitig auf ähnliche Videos aufmerksam. Was so zustande kommt, ist eine Blase, in der nur noch Information gleicher Art zirkuliert (unterstützt durch den sanften Zwang von Likes und Dislikes), durch deren Lektüre und Weitergabe sich die Beteiligten gegenseitig in ihrer Weltsicht bestärken. Zugleich ist diese Blase effektiv gegen fremde Einflüsse von Außen oder abweichende Meinungen geschützt, da diesen der Sprung in den Kreis der Eingeweihten in der Regel nicht gelingt.

Die Rede von der Echokammer ist also durchaus wörtlich zu nehmen. Die Beteiligten befinden sich in einer geschlossenen medialen Kammer und hören nichts anderes als das Echo ihrer eigenen Worte (in der Rede des Anderen, der genauso ist wie man selbst). Spricht man Menschen, die sich ihre Sicht auf die Welt bei Facebook holen, auf dieses Phänomen an, antworten sie meistens: „Ich habe nicht das Gefühl, mich in einer Echokammer zu befinden!“. Genau das zeigt, wie perfekt diese Kammern funktionieren. Wer noch regelmäßig zwischen verschiedenen Zeitungen wechselt (die man auch online lesen kann!) würde dergleichen wohl kaum behaupten, obwohl er über ein wesentlich breiteres Spektrum an Information verfügt. Doch Echokammern führen nicht nur zur Unmündigkeit.

Facebook in Myanmar

Der Film „The Cleaners“ beschäftigt sich mit den Schicksalen der Content-Moderatoren und Moderatorinnen, die in sicherer Distanz auf den Philippinen für die Sauberkeit von Facebook sorgen, indem sie abgeschnittene Köpfe, Kinderpornographie, Selbstmorde und vieles mehr löschen. Dafür müssen sie es freilich erst einmal sehen – mit entsprechenden Konsequenzen für die Psyche. In diesem Film gibt es eine Sequenz über Myanmar, die in eindrucksvoller Weise die möglichen Konsequenzen medialer Echokammern veranschaulicht. Der Völkermord an den Rohingya ist in seiner rohen Gewalt aufs Engste mit moderner Medientechnologie verknüpft. Nah San Lwin ist ein kritischer Blogger und gehört selbst zur Gruppe der Rohingya. In einem Interview sagt er:

„Für die Menschen in Myanmar ist Facebook das Internet. Die meisten Leute wissen nicht einmal, was eine Email ist. Auf Facebook werden falsche Informationen verbreitet. Wer etwas gegen die Rohingya postet, ist beliebt und bekommt eine Menge Likes und Kommentare und Shares. Das wird dann in einer Stunde viele tausend Mal geteilt und alle halten es für eine authentische Information.“

Dies bedeutet nicht, Facebook sei schuld am Völkermord an den Rohingya. Doch begünstigt der moderne Medienkonsum offensichtlich das Entstehen von Rückkopplungs- und Verstärkereffekten, die Menschen in einem psychotischen und hasserfüllten Universum einkapseln, aus dem sie sich nur noch durch Gewalt zu befreien können glauben.

Myanmar ist weit weg

Klar… weit weg. Sicherlich wird es morgen nicht zu Szenen wie in Myanmar kommen. Auch wenn in Deutschland durchaus schon heute Menschen durch die Straßen gehetzt werden, weil sie die falsche Hautfarbe haben oder aus dem falschen Land kommen, besteht der Schaden hierzulande im Moment vor allem noch in einem Verlust an Aufklärung. Doch die Echokammern werden eher zu- als abnehmen und eine Abkühlung des politischen Klimas scheint nicht in Aussicht zu sein. Die Rede von den Parallelgesellschaften bekommt so perspektivisch eine vollkommen neue Bedeutung. Je mehr die Gesellschaft sich in eine Pluralität von Echokammern ausdifferenziert, die nur noch nebeneinander existieren ohne miteinander zu interagieren (da jede immer schon zu wissen glaubt, was die andere Seite sagen will und es sich aus diesem Grund gar nicht erst anhört), desto mehr diffundiert die Öffentlichkeit, deren Existenz von einer lebendigen Form des Miteinanderseins getragen werden muss, um funktionieren zu können. Noch einmal Hannah Arendt:

„Alle politischen Institutionen sind Manifestationen und Materialisationen von Macht; sie erstarren und zerfallen, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinter ihnen steht und sie stützt.“

Der Rückzug vieler Menschen in die Wärme digitaler Netzwerke, in denen ihnen die Konfrontation mit anderen Standpunkten und Haltungen erspart bleibt, wird über kurz oder lang zu einem Rückbau der bis heute erreichten (durchaus überschaubaren) demokratischen Errungenschaften führen und die Öffentlichkeit verschwinden lassen. Damit machen soziale Netzwerke paradoxerweise genau das Gegenteil dessen, was sie versprechen. Sie bringen Menschen nicht zusammen, um sie statt dessen zu isolieren (auch wenn das bei genauer Betrachtung Gruppenhaft ist). Wer jetzt noch sagt „Also ich merke davon eigentlich nichts, wenn ich mich in meinen Netzwerken bewege“, der oder die sollte noch einmal scharf nachdenken. Im Zweifelsfall illustriert diese Aussage nicht mehr als die Bedeutung des Begriffs “performativer Widerspruch”. Kauft euch eine Zeitung!

 

 

The Cleaners (Trailer)