Von Katowice nach Davos

Sie sind überall im Netz zu finden: Mitschnitte der Redebeiträge von Greta Thunberg anlässlich der UN-Klimakonferenz in Katowice und des Weltwirtschaftsforums in Davos. Ihre Botschaft ist weder neu und im Grunde nicht einmal kontrovers. Der Klimawandel ist real, zeitigt heute schon immense Konsequenzen und wenn es bei der heutigen politischen Indifferenz bleibt, wird dies für kommende Generationen zu existentiellen Problemen führen. Damit sagt Greta Thunberg eigentlich nichts, was nicht bereits seit dem (in seinen Prognosen noch heute aktuellen) Bericht “Die Grenzen des Wachstums” des Club of Rome seit Anfang der 70er Jahre bekannt ist. Sicher ist es ungewöhnlich, wenn eine 15 Jährige beim Wirtschaftsforum spricht und sind Greta Thunbergs Worte wohlgewählt, rhetorisch eindringlich und emotional berührend. Doch steht das Ausmaß an Hähme und Diskriminierung, das der Schülerin aktuell im Netz entgegenschlägt, dazu in keinem Verhältnis. Sie hat schließlich niemanden beschimpft oder beleidigt, sondern lediglich gefordert, das Wohl kommender Generationen in den Mittelpunkt des politischen Handelns zu stellen.

Selbstbewusste Frauen

Dass es sich bei den Hatern überwiegend um rechtsgerichtete Männer handelt, lässt tief blicken. Rechte haben bekanntlich so ziemlich vor allem Angst: Vor Flüchtlingen, vor Kriminellen, Identitätsverlust, Globalisierung, Verschwörungen, Chemtrails, der Rückkehr der Wölfe (man lese die Einlassungen der AFD zu diesem Thema!) und natürlich auch vor Frauen. Keine deutsche Partei weist ein solches Missverhältnis von Frauen und Männern auf wie die AFD. Daran ändern auch Beatrix von Storch und Alice Weidel nichts. Frauen sind vielen Männern schon deshalb unheimlich, weil Männlichkeit sich in einem bipolaren Geschlechterverhältnis vor allem durch die Abgrenzung gegenüber allem Weiblichen auszeichnet. Wenn zu viele Frauen beschließen, ihre Rolle zu verändern und aus alten Klischees auszubrechen, wird das unweigerlich auch eine Veränderung der Männerrolle zur Folge haben. Da es vor allem Rechte sind, deren Vorstellungen von Männlichkeit eng an Autorität, Stärke sowie entsprechenden Größen- und Omnipotenzphantasien gebunden sind, betrifft sie die mit der Emanzipation der Frau einhergehende Verunsicherung der Männerrolle besonders stark. In diesem Sinn ist Greta Thunberg so ziemlich alles, was rechte Männer hassen. Eine Frau, dazu selbstbewusst und obendrein auch noch klug. Die Hetze ist aus diesem Grund auch ein Aufschrei gekränkter Männlichkeit und der Angst vor der Kastration durch die phallische Frau.

Und es gibt ihn doch

Es gibt ein lustiges Frühstücksbrett, auf dem steht: “Du glaubst vielleicht nicht an Einhörner, aber sie glauben an dich.” In der Mitte ist ein kleines, pummeliges Einhorn mit einer Sprechblase zu sehen, in der steht “Du bist toll!” Da steckt durchaus etwas Wahres drin. Wenn es Einhörner gäbe, dann wäre ihre Existenz nicht davon anhängig, ob wir an sie glauben oder nicht. Genau so ist das mit vielen anderen Dingen, an deren Existenz unter postfaktischen Bedingungen immer mehr gerüttelt wird. Ebenso wenig wie Mauern Menschen an der Flucht vor Krieg und Gewalt hindern, hört der Klimawandel auf zu existieren, wenn man ihn ignoriert oder gleich ganz leugnet. Das wissen auch die Rechten.
Unter den laustarken Anfeindungen der “Klimalobby” und “umweltfanatischer Ökos” dürfte sich bei einem nicht unbeträchtlichen Teil der Rechten die gleiche Angst wie bei Greta Thunberg verstecken. Schließlich haben auch rechte Menschen Kindern und wünschen sich ebenso das Beste für sie, wie alle anderen Menschen (wenn auch ihre diesbezüglichen Vorstellungen von denen anderer abweichen). In diesem Sinne ist es Greta Thunbergs Fehler, der Angst, die Rechte lieber unter Anfeindungen von Wissenschaft und Politik verstecken, offen Ausdruck zu verleihen und dadurch wieder aufzurühren, was in der rechten Lebenswelt gerade so schön zum Schweigen gebracht wurde. Das Rechte den Klimawandel für sehr real halten, zeigt sich schon in ihrem Geschreie nach Grenzschließung und anderen Maßnahmen. Auch die Trumpregierung bereitet sich auf die Folgen des Klimawandels bereits intensiv militärisch und polizeilich vor. In diesem Sinne ist die rechte Angst vor dem Klimawandel eine Angst vor Kontrollverlust.

Tödliche Ignoranz

Doch Greta Thunberg hat der Welt noch mehr gesagt. Sie ist keineswegs als Bittstellerin aufgetreten, die sich an Politiker und Politikerinnen wendet, damit die alles wieder in Ordnung bringen. In Katowice sagte sie:

For 25 years countless of people have stood in front of the United Nations climate conferences, asking our nation’s leaders to stop the emissions. But, clearly, this has not worked since the emissions just continue to rise. So I will not ask them anything. Instead, I will ask the people around the world to realize that our political leaders have failed us. Because we are facing an existential threat and there is no time to continue down this road of madness.

Hinter dem hoffnungsvollen Apell an die Bevölkerung als politisches Subjekt versteckt sich eine traurige Wahrheit. Seit 50 Jahren ist die Problematik bekannt und seit 50 Jahren wird nichts unternommen, um sie in nachhaltiger Weise zu lösen. Dies hat zweifelsfrei etwas damit zu tun, wen die Auswirkungen der anstehenden Klimakatastrophe zuerst und am stärksten treffen werden. Dies sind die armen Staaten dieser Erde, die bereits jetzt massiv unter der Veränderung der Klimas zu leiden haben. Das Zögern der wirtschaftlich mächtigen Ländern bei der Lösung des Klimawandels ist aus diesem Grund die stillschweigende Einigung, einen Teil der Menschheit extremer Not und schließlich dem Tod auszusetzen.

Verfolgung

 

Viele Rechten dürfte die Auseinandersetzung über den Klimawandel aus eben diesem Grunde so sauer aufstoßen. Sie widmet sich vor allem dem Schicksal von Menschen, die von der herrschenden Politik auf impliziter Ebene bereits dem Elend überlassen wurden und der Meinung von Rechten zufolge auch genau dort bleiben sollten. Vielen von ihnen dürfte es als willkommene Entwicklung erscheinen, wenn sich die Bevölkerungszahlen armer Länder durch Hungernöte, Naturkatastrophen und Seuchen schlagartig reduzieren. Sie werden dann von der Natur sprechend, die sich selbst ins Gleichgewicht bringe und zugleich froh darüber sein, auf kulturellem Weg von eben dieser Natur verschont zu bleiben.
Greta Thunberg setzt mit der Gleichgültigkeit der Politik zugleich implizit die Vernichtungsphantasien der Rechten auf die Tagesordnung. Diese Phantasien leben indessen von ihrer Verschwiegenheit und existieren eher auf unbewusster als bewusster Ebene. Die Drohung der Vernichtung, die in jedem rechten Denken mitschwingt, löst allerdings auch Angst vor dem Objekt der Vernichtung aus, das gegen seinen Peiniger aufbegehrt, um sich zu rächen. Nicht zuletzt entpuppt sich die Angst hinter der rechten Hetze gegen Greta Thunberg aus dieser Sicht als die Angst vor der Rache eines Objekts in der Psyche des rechten Subjekts selbst und stellt die nach außen projizierte Kehrseite tief verankerter Vernichtungswünsche dar.