Philosophie für alle!

Wohl kaum eine Philosophie ist zur Zeit solches Allgemeingut wie der Konstruktivismus. Das alles irgendwie nur eine Konstruktion ist, bekommen Studierende aller Fachrichtungen der Geistes- und Sozialwissenschaften heute bereits im ersten Semester beigebracht und wiederholen es dann nicht selten den Rest ihres Studiums. Eigentlich ist der Konstruktivismus auch gar keine schlechte Idee. Dass der Glaube daran, die eigene Weltsicht sei deckungsgleich mit der Wahrheit, ein Übel ist, hat das 20te Jahrhundert eindrucksvoll gezeigt. Lästig und selbstwidersprüchlich wird der Konstruktivismus dort, wo er sich in der Behauptung erschöpft, man könne „das“ auch alles anders sehen. Ausgehend von diesem Standpunkt braucht sich niemand mehr mit irgendwem unterhalten. Jedem und jeder seine und ihre Blase. Wer hier die neoliberale Ideologie des Individualismus vermutet… liegt goldrichtig!

Unter dem Radar

Richtig verstanden zerlegt der Konstruktivismus Denk- und Glaubenssysteme, die feste Bestandteile der Alltagswahrnehmung sind, die bestimmen, wie Menschen denken, wie sie ihre Kinder erziehen, auf andere Menschen reagieren und sich selbst verstehen. Denn genau durch die Selbstverständlichkeit fliegen sie für gewöhnlich weit unter dem Radar und werden nur selten zum Objekt der Reflexion. Männer und Frauen? Klar, das ist doch bei den Tieren auch so (nein, ist es nicht!). Verschiedene Rassen? Klar, das ist doch nicht diskriminierend, sondern eine biologische Tatsache (nein, ist es nicht!). Leistungsstark und faul? Klar, Drückeberger hat es schon immer gegeben (und nochmal: nein, hat es nicht!). All das lässt sich mit Blick auf Geschichte, Machtverhältnisse und Sprachgewohnheiten unschwer als soziale Konstruktion entlarven (zumindest heute) und damit theoretisch auf den Müll der Geschichte entsorgen, auch wenn es damit in der Praxis leider noch hapert.

Google als der große Konstrukteur

Die heute wohl größte Macht zur Konstruktion sozialer Realität ist bunt, freundlich, immer gut drauf und heißt Google. Wenn aus einer Technik ein Verb wird, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Wenn man etwas nicht weiß, googelt man es – und landet dann nicht selten bei Wikipedia, ebenfalls eine Realitätsmaschine ersten Ranges. Und alle kennen dieses Gefühl: Benutzt man eine andere Suchmaschine kommen plötzlich ganz andere Ergebnisse raus, die gar nicht so recht zu dem passen, was zu finden man eigentlich erwartet hatte. Genau hier setzt die Konstruktion an. Nicht im Sinne einer Verschwörungstheorie (die sind schlicht und einfach immer Humbug). Natürlich können Firmen für ihr Google-Ranking bezahlen und natürlich werden Jahr für Jahr große Summen in Suchmaschinenoptimierung und Onlinemarketingstrategien investiert. Doch das hat nichts mit einer Verschwörung zu tun und ist ganz im Gegenteil schlicht und einfach kapitalistischer Normalbetrieb. Woher kommt also diese tief empfundene Dissonanz, sobald man eine andere Suchmaschine als Google benutzt? Dafür gibt es logisch betrachtet zwei Erklärungen.

Google konstruktivistisch

Wenn Menschen ihre Realität immer schon sozial gefiltert wahrnehmen und sich diese Realität zudem auch noch zentral durch die Nutzung einer allseits geteilten Technologie erschließen, so wird die Funktionsweise dieser Technologie wesentliche Auswirkungen auf die Frage haben, wie diese Menschen ihre Wirklichkeit empfinden. Die Ordnung von Ergebnissen und die Texte der entsprechenden Webseiten würden dieser Ansicht zufolge bestimmen, was in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt der Status-Quo ist. Genau hier setzten die unzähligen Bestrebungen an, Produkte und Ideen im Internet zu präsentieren, um so den digitalen Kampf um die Köpfe zu gewinnen. Das Internet wäre das wesentliche Feld zur Erlangung diskursiver Hegemonie und Google das wesentliche Medium zur Darstellung dieses Feldes. Wenn dies stimmt, würde es sich empfehlen, den politischen Kampf ins Internet zu verlegen.

und andersrum…

Die Kausalität läßt sich freilich auch anders herum lesen. Wenn Menschen in ihrer täglichen Interaktion miteinander immer wieder aufs Neue verhandeln, in welcher geteilten Realität sie leben, ist Google nur der Spiegel eines Konstruktionsprozesses, der an anderer Stelle stattfindet. Was wir suchen und für gut befinden, steigt auf, was uns nicht interessiert oder nicht geklickt wird, steigt ab. Heraus kommt eine Darstellung des Internets, die mehr oder weniger eine Reflexion unserer Präferenzen und Abneigungen ist. Wenn man also wissen will, wie die Menschen gerade ticken, braucht man nur bei Google zu schauen. Und fürwahr kann man mit dieser Hypothese vielsagende Ergebnisse erzielen. Wer den Satzanfang „Frauen sollen…“ bei google eingibt, bekommet als Vorschläge zum Vervollständigen angeboten: lächeln, keinen Alkohol trinken, arbeiten wie ein Pferd, mich ansprechen, sich nicht schminken. Das Spiel lässt sich mit vorhersehbarem Ergebnis fortsetzen, wenn man sollen durch müssen ersetzt und mit Substantiven wie Flüchtlinge oder Ausländer spielt.

Konstruktivismus im Kreis

Diese beiden Ansichten sind die Pole des Spektrums, innerhalb dessen auf die Frage des Verhältnisses von Realität und Google logisch betrachtet geantwortet werden kann. Und natürlich ist keine von beiden richtig und die andere falsch. Und natürlich ist es vollkommen unterkomplex jetzt mit dem Allgemeinplatz zu kommen, die Wahrheit läge wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Das tut sie nie! Auch so etwas, das man sich merken kann. Genau wie: Verschwörungstheorie? Immer Blödsinn! Nein weit entfernt von der Mitte handelt es sich hier um einen Kreis. Unsere Realitätskonstruktionen spiegeln sich in der Arbeitsweise unserer Lieblingssuchmaschine, deren Algorithmen abbilden, wie wir ticken. Wenn wir im Internet sind, bekommen wir diese Wahrnehmung von der scheinbar unvoreingenommenen Instanz Google wieder aufgetischt und gewinnen neue Sicherheit in unseren Wahrnehmungen. So falsch kann das alles nicht sein, was wir so denken. Im Internet steht das ja genau so. Und letztlich führt das in einen recht betrüblichen Kreislauf, in dem die etablierte Realität zur Grundlage der Beantwortung aller Fragen wird, die wir so haben, wenn wir googeln und sich auf diese Weise immer weiter verfestigt. Google ist nur scheinbar bunt. Und wer spüren möchte, wie es sich anfühlen würde, morgen anders auf die Welt zu schauen, probiert einfach mal eine andere Suchmaschine. Und nicht erschrecken: Es könnte sein, dass sie die Welt anders darstellt…