Mal wieder besser werden

Da sind sie wieder, die guten Vorsätze für das neue Jahr. Der eine will mehr für seinen Körper tun, regelmäßig joggen oder ins Fitnessstudio, die andere nach 7 Jahren endlich ihre Doktorarbeit beenden und noch jemand anders sich natürlich auch das Rauchen abgewöhnen. Diese und ähnliche Ideen sind allesamt sicherlich gut. Die Frage ist indes, wo diese Vorsätze herkommen. Auf der einfachsten Ebene gehen sie natürlich auch Unzufriedenheit mit sich selbst zurück. Eine Eigenschaft oder Angewohnheit nervt einfach und mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre man ohne sie besser dran. Wer nicht raucht, spart Geld und muss sich weniger Gedanken über Lungenkrebs machen. Easy. Doch so einfach ist es nicht. In den 70ern wussten die Menschen auch, dass Rauchen alles andere als gesund ist und haben trotzdem gequalmt wie die Schlote und das auch noch aus Packungen ohne Warnhinweise und Bilder wie von rotten.com. Und so war das mit vielen Dingen: zu wenig Sport, Auto fahren ohne Gurt und fettigem Essen.

Unzufrieden womit also?

Viele Menschen waren auch damals unzufrieden mit sich. Doch ist die Fähigkeit, mit dieser Unzufriedenheit zu leben, seit den 70ern deutlich gesunken. Es gibt keine Ecke, keine Kante, die sich durch beharrliches Schleifen nicht wegpolieren ließe und stets Menschen, die einen fragen, warum man es nicht schon längst in Angriff genommen hat oder einen schulterklopfend loben, wenn man denn Erfolg mit seinen Bemühungen hatte. Wo der Druck zur Selbstoptimierung entsprechend hoch ist, kann sich niemand auf seinen Unzufriedenheiten ausruhen und Vorsätze wie die zum neuen Jahr werden zu programmatisch abgesteckten Wegstrecken. Vorbei die Zeit, als jemand wie Oscar Wild lächelnd sagen konnte, sich das Rauchen abzugewöhnen sei leicht, schließlich habe er das schon sehr oft gemacht. Heute würde er ein Buch, eine App und einen ausgearbeiteten Plan in die Hand gedrückt bekommen.
Die Omnipräsenz der Selbstoptimierung errichtet ein hoch gestecktes Ich-Ideal und suggeriert zugleich, es sei möglich, dieses auch zu erreichen, sofern man sich denn nur genug anstrenge. Psychisch betrachtet ist das fatal. Freud hätte angesichts dessen wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, denn psychoanalytisch betrachtet lebt das Ideal gerade davon, sich nicht zu realisieren. Doch die aus solchem Wissen fließende Gelassenheit geht der heutigen Zeit vollkommen ab. Eifrig wird am Ideal gebastelt, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, unter welche Spannungen die Psyche gerät, wenn sie zu permanentem Scheitern verurteilt wird.

Kein richtiges Leben im falschen

Unglücklicherweise ist der allerorten erschallende Ruf zur Selbstoptimierung in einer Gesellschaft verortet, die gelinde gesagt nicht frei von Widersprüchen ist. Adornos Worte: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, sind angesichts der herrschenden Verhältnisse zu einem Sprichwort geworden, das auf die Unausweichlichkeit des Selbstwiderspruchs hinweist, der wir heute ausgesetzt sind, ohne ihr entkommen zu können. Das Streben nach Einssein wie es sich in der modernen Gefühlsduselei, Bioläden und Yogakursen spiegelt, ist symptomatisch für das Maß der Spaltung, welches mit dem heutigen Leben verbunden ist.
Und auch da kommen die guten Vorsätze her. Aus Verhältnissen, die einen nicht so leben lassen, wie man gerne würde. Wenn wir von der Arbeit oder der Arbeitslosigkeit nicht so platt wären, würden wir vielleicht sehr gerne Sport machen. Falls unser Alltag nicht so trist wäre, könnten wir auf die kleine Freude, sich eine Kippe anzustecken, vielleicht mühelos verzichten. Und wenn die Zukunft nicht so verdammt ungewiss wäre, müsste man seine Ängste vielleicht nicht mit Alkohol polstern.

Alles muss anders werden

Und da sind wir wieder dort, wo man immer hin gelangt, wenn man kurz darüber nachdenkt, in welcher Gesellschaft wir leben. Wo die soziale Norm uns glauben macht, wir müssten uns ändern, um dies mehr oder das weniger zu tun, ist es wesentlich eher diese Norm und mit ihr die sie tragende Gesellschaft selbst, die sich ändern müssen. Denn der Widerspruch, in dem wir zu uns selbst stehen, ist auch der Widerspruch, in den wir gesellschaftlich gestellt sind. Entsprechend können wir das eine nicht ohne das andere überwinden. Natürlich kann jemand aufhören zu rauchen oder zu trinken, doch was bringt das, wenn nichts freudiges an die dadurch entstehende Leerstelle tritt? Und wie soll das möglich sein, ohne das große Ganze im Auge zu behalten und an der Möglichkeit eines besseren Lebens in einer besseren Gesellschaft festzuhalten? Das sollte eines jeden Menschen Vorsatz für das neue Jahr sein: Nicht nur wir müssen uns ändern. Alles muss sich ändern!