Die unerträgliche Scheißigkeit des Seins

Wir leben heute in einer merkwürdigen Zeit. Viele Leute haben schlicht und einfach die Nase voll. Genug von langweiligen Jobs, in denen man sich kaputtmacht und für dieses Privileg auch noch danke sagen soll. Genug von einer gespaltenen Gesellschaft, in der die Elite sich vor allem aus der Elite rekrutiert. Genug davon, diese Welt mit all ihren Fehlern, den Wunden, die sie schlägt, immer wieder als die beste aller möglichen präsentiert zu bekommen. Und trotzdem herrscht allerorten Stille. Die Straßen sind leer.
Die heutige Gesellschaft scheint mehr als nur stabil zu sein. Sie wirkt unzerstörbar, als könne sie sich niemals verändern, als würde sich allenfalls ihre Logik mehr und mehr zuspitzen. Mehr Freiheiten für Polizei und Geheimdienste, zunehmende Unterhöhlung von Grundrechten, Fortschreiten der Ökonomisierungsprozesse bis alles ein Preisschild trägt.

Dieser Zustand wurzelt vor allem in der Tatsache, dass zur Zeit, keine Alternative im Spiel ist, die in der Lage wäre, die Phantasie der Menschen zu beflügeln.
Und so macht eben jeder und jede, was er oder sie gerne möchte, um das Glück im Privaten zu suchen, das dadurch nicht selten in unerträglicher Weise mit Erwartungen überladen wird. Das Scheitern ist abzusehen, die Enttäuschung vorprogrammiert und alles, was bleibt, ist das Schuldkarussell. Mit dem Glück verschwindet auf diese Weise schließlich auch die Öffentlichkeit, denn wo Menschen ihre Zeit vor allem allein oder im kleinen Kreis verbringen, kommen sie nicht mehr in größerer Zahl zusammen, um sich gemeinsam Gedanken über ihr Leben zu machen.

Die Argumentation ließe sich verlängern. Es mangelt nicht an Problemen und angesichts des allgegenwärtigen Rechtsrutsches scheinen die Zeiten eher schlechter als besser zu werden. Was am Ende heraus kommt, ist eine Gesellschaft, die nur noch als Immanenz existiert. Es gibt schließlich kein Außerhalb der Gesellschaft mehr, weder einen Standpunkt, von dem aus sie sich noch sinnvoll kritisieren ließe, geschweige denn eine Utopie, die ihr entgegengehalten werden könnte. Und mit der Immanenz verschwinden die letzten Reste der Imagination und mit ihr die letzte Chance für das Entstehen einer Alternative.
Das alles ist richtig und ließe sich in eine so gründliche wie überzeugende Analyse überführen. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Analyse und Schwarzmalerei. Letztere genießt die Finsternis ihrer eigenen Prognosen und hat so nicht wenig mit eben jenem Hedonismus gemein, den sie eigentlich zu kritisieren versucht. Erstere muss sich stets auch bemühen, in die Zukunft zu denken.

Ein Bild der Kontingenz

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Das Bild zeigt den toten Heinrich Himmler, der sich nach seiner Festnahme durch die Briten am 23.5.1945 vergiftete. Natürlich hat das Nazireich nichts mit dem modernen Kapitalismus gemeinsam. Ganz im Gegenteil verhalten diese beiden Systeme sich in vielen Punkten nahezu gegensätzlich zueinander. Das Bild des toten Himmler lädt jedoch zu einem Gedankenspiel ein und genau hier liegt der springende Punkt. Wieviele Menschen hätten sich wohl 1940 vorstellen können, dass dieser Mann und mit ihm das selbsternannte 1000-jährige Reich geschlagen am Boden liegen würde? Viele hätten das als Schreckensszenario betrachtet, andere als Versprechen einer besseren Zukunft. Kaum aber jemand hätte sich angesichts der Erfolge der Wehrmacht und des Jubels der deutschen Bevölkerung vorstellen können, das die Szene auf dem Bild nicht einmal 5 Jahre in der Zukunft liegt.
Genau hier liegt die Lehre des Bildes. Es geht hier nicht um den Sieg der Gerechtigkeit, Aufstieg und Fall der Macht oder die Sinnlosigkeit des Krieges. Sicher sind das alles Aspekte des Bildes. Doch vor allem spricht das Photo von der Kontingenz. So fest eine politische Ordnung auch im Sattel sitzen mag, so viele Menschen ihr auch heute zujubeln und so sehr sie sich auch als die Verkörperung der geschichtlichen Notwendigkeit präsentiert, ist sie vor allem eins: kontingent. Jede Ordnung kann morgen verschwinden, abtreten, überrannt oder abgewählt werden.
Genau dafür gilt es sich offen zu halten. So finster die Analyse auch sein mag. Es ist immer Licht am Ende des Tunnels und vielleicht beginnt morgen bereits die Zukunft. Das hat nichts mit Wunschdenken gemein. Ganz im Gegenteil ist es lediglich eine logische Schlussfolgerung.
Kritik darf dementsprechend nie dabei stehen bleiben, sich über die Verwerfungen der Gesellschaft zu beklagen. Andernfalls läuft sie Gefahr, in eine neue Spielart des Kulturpessimismus umzuschlagen, dessen Essenz vor allem darin besteht, die Schlechtigkeit des Seins in ein Mittel des Konsums und der sozialen Distinktion zu verwandeln. Eine gute Analyse der Gesellschaft muss die Kontingenz mitdenken, eine gewisse Heiterkeit besitzen und mit einem Lächeln zwischen den Zeilen formuliert werden. Schließlich soll die Zukunft besser werden und nicht schlechter.