… und was machst du so?

das ist wohl die Frage, die bei jeder Anmache an zweiter Stelle kommt, für den Fall, dass zuerst noch nach dem Namen gefragt wird. Im Zweifelsfall ist der vielleicht gar verzichtbar, denn Namen sind bekanntlich Schall und Rauch, ganz im Gegenteil zu dem, was am Grunde der tierschürfenden Frage vermutet wird, was der andere Mensch denn so macht. Wer aktuell genötigt ist, sich auf dem Partnermarkt herumzutreiben weiß, wie ernst es bei dieser harmlos anmutenden Einstiegsfrage wird, denn schließlich ist sie von der Erwartung getragen, das Gegenüber habe mit Sicherheit eine spannende Geschichte über sich selbst zu erzählen. Antworten wie: „Ich spiele gerne Playstation und esse dabei Erdnussflips.“ scheiden also von vornherein aus.
Was hier vonstatten geht ist eine Abfrage von Identitätskategorien. Die erste ist in den allermeisten Fällen schon geklärt, bevor es überhaupt dazu kommt, jemanden anzusprechen. Sie gilt dem Geschlecht und wird in unserer Welt geschlechtlicher Bipolarität durch einen von Kindesbeinen an geübten kurzen Blick geklärt. Die zweite Identitätskategorie steckt in dem, was der Mensch eben so macht. Unter kapitalistischen Produktionsbedingungen ist das vor allem arbeiten oder arbeitslos sein, wobei letzteres allgemein nicht als spannende Geschichte gilt und sich im Zweifelsfall entsprechend schlecht ausnimmt (auch Arbeit ist eine Norm). Die Arbeit gilt als Schlüssel zur Persönlichkeit. Sag mir, was du arbeitest und ich weiß, wer du bist. Entsprechend schillernd sollen sie natürlich sein, die in den meisten Fällen auf Kompromissen beruhenden Tätigkeiten, die wir von unserer Lebenszeit abzwacken müssen, um das Geld für die Miete und alles weitere aufzutreiben. Wir sollen unsere Arbeit natürlich von Herzen machen und sie soll Unterhaltungswert besitzen, wenn wir abends bei einem Glas Wein mit Fremden darüber sprechen.

Sei einfach du selbst!

Das Arbeit in vielen Fällen vor allem ein fauler Kompromiss ist, dürfte indes den meisten Menschen klar sein, denn wohl nur die wenigsten dürften das Privileg besitzen, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, der sie tief empfundene Freude abgewinnen können. Wenn Hobby zum Beruf werden, zeigen sie ein bösartiges Lächeln und man fühlt sich irgendwie verarscht. Das „und was machst du so“ gilt also nur oberflächlich betrachtet der Arbeit. Sie zielt eher auf die Frage, wie die Person mit der Notwendigkeit des Arbeitens umgeht und wie sie ihr sonstiges Leben arrangiert. Es ist die Frage nach einem spezifischen Kompromiss und der Art, wie dieser gelebt und empfunden wird.
Damit steckt in der Frage ein immenses Paradox. Einerseits ist sie von dem Wissen getragen, im Gegenüber höchstwahrscheinlich nicht mit einem Menschen konfrontiert zu sein, der morgens begeistert aus dem Bett federt, um sich vor Freude singend auf den Weg zur Arbeit oder zum Studium zu machen, wo er oder sie dann zusammen mit tollen Menschen den ganzen Tag über so wichtigen wie einzigartigen Beschäftigungen nachgeht, um abends mit dem Gefühl eines erfüllten Lebens zufrieden und neugierig auf den nächsten Tag ins Bett zu sinken. Andererseits aber drängt sie das Gegenüber in eine Position, die von dem spürbaren Druck überschattet wird, eine spannende Geschichte voller Einzigartigkeit zu erzählen, um die Anerkennung und das Interesse des Anderen zu erwecken und sich selbst als Individuum zu platzieren, das dem Anspruch auf Singularität gerecht wird.

Mut zur Langeweile

In einer von Individualismus und Selbstoptimierung geprägten Kultur könnte es kaum anders sein und die Frage nach dem „was machst denn du so“ ist nur eine der vielen Varianten, wie wir eifrig an der Internalisierung repressiver Normen mitarbeiten. Sei einzigartig, frei und einfach nur du selbst! Marcuse hätte das moderne Credo der Vergötterung der Individualität wohl als eine Variante dessen betrachtet, was er als repressive Entsublimierung bezeichnete: die Beseitigung von Zwängen mit dem Ziel die Menschen noch tiefer in immer anonymere Machtstrukturen einzubinden.
Die einzigartige Identität, nach der wir ständig befragt werden, die Forderung einer spannenden Geschichte über uns selbst, scheitert an der Durchschnittlichkeit unserer Existenz und wird durch die Formulierung der Frage doch immer wieder neu eingefordert und als Norm am Leben gehalten. Aus diesem Grund fühlen sich viele von uns ungenügend, wie das hässliche Entlein und können sich ihren Frust nicht einmal von der Seele reden, weil das Reden alles noch schlimmer macht, indem es die Norm reaktiviert, an der wir scheitern.
Facebook mag uns ein wenig Erleichterung verschaffen, ebenso wie andere Formen virtueller Existenz. Doch unter dem Strich sind wir mehr oder weniger alle gleich und nur die wenigsten von uns können auf die Frage, was sie denn so machen, eine wirklich tolle Story erzählen, ohne gleichzeitig zu erröten. Das treibt uns auseinander, während wir versuchen, einander näher zu kommen.
Doch gerade in diesem Scheitern liegt die Hoffnung. Denn wären wir wirklich einzigartig und wahre Individuen hätten wir einander schlicht und einfach nichts zu erzählen. Es gäbe keine Welt, die wir miteinander teilen könnten. Vielleicht würden wir nicht einmal die gleiche Sprache sprechen. So betrachtet ist es also unsere Mediokrität, die uns zueinander bringt und uns in einer Welt existieren lässt, die wir gemeinsam verändern können. Statt auf die Fliegenfalle der Individualität hereinzufallen, sollten wir uns also auf die Tatsache konzentrieren, einander unter dem Strich viel ähnlicher zu sein, als wir es wahrhaben wollen. Die gleichen Körper, die gleichen Verletzlichkeiten, die gleichen Bedürfnisse. Unsere Verschiedenheit erfassen wir nur, wenn wir sie von dem aus betrachten, was wir gemeinsam haben.