Infantil oder senil? Weder noch!

Donald Trump ist in vielen Zeitungsartikeln und Kommentaren mit einem Kind verglichen worden. Das liegt nahe. Das verzerrte Gesicht, die aufgeregte Gestik, der rechthaberische Tonfall… das alles erinnert an Kinder, die sich in der Kira darum streiten, wer das Spielzeug zuerst genommen hat. Und auch wissenschaftlich ließe sich diese Parallele durchaus untermauern. Trump steht im Verdacht, unter Alzheimer zu leiden, was zu einer gewissen Regression in die Kindheit führen kann. Doch so einfach ist es leider nicht. Es wird weder eine gnädige Erzieherin noch ein Altenpfleger kommen, um den guten Mann beiseite zu nehmen und für sein Betragen zur Ordnung zu rufen. Und auch das Impeachment-Verfahren dürfte noch auf sich warten lassen, wenn es denn jemals zustande kommen wird.

Phantasie und Postfaktizität

Donald Trump ist aufgrund seiner ins Auge fallenden Unfähigkeit zu komplexem Denken natürlich immer ein beliebtes Ziel derartiger Vergleiche. An den letzten Beitrag über Pipi Langstrumpf anknüpfend, könnte man mit Blick auf die Trumps dieser Welt die These vertreten, die Protagonisten und Protagonistinnen des Postfaktischen seien einfach Leute mit einer überbordenden Phantasie. Wie erinnern uns kurz an das allseits bekannte Lied:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune !!
Ich mach’ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ….

Das passt auffallend gut. Klimawandel? Den mag ich nicht, also gibt es den nicht (Trump). Schwule? Gibt es bei uns im Land nicht (Kadyrow)! Opposition? Quatsch, das sind alles Terroristen (Erdogan). Die Liste ließe sich erweitern. Auf den ersten Blick ist allen diesen Äußerungen gemeinsam, dass sie zur Vermeidung einer unangenehmen Einsicht oder Wahrnehmung die Phantasie bemühen, um eine Welt zu imaginieren, in der das betreffende Problem nicht gibt.

Immer eine Reise wert: Sachsen

Das hat eine gewisse Parallele zur Utopie. Wer eine Utopie formuliert, kennt den Unterschied zwischen Realität und Utopie jedoch sehr gut und die Formulierung der Utopie dient dem Abstecken des Weges, der gegangen werden muss, um in einer besseren Zukunft anzukommen. Vertreter und Vertreterinnen des Postfaktischen tun hingegen so, als sei die Utopie bereits Realität und ein Spalt schlicht und einfach nicht vorhanden. Klimawandel kann kein Problem sein, denn es gibt ihn nicht, ebenso wenig wie Schwule oder eine politische Opposition.
Doch ganz so leicht ist das nicht, denn die Anhänger und Anhängerinnen sind keineswegs angstfreie Menschen. Irgendetwas scheint da also mit der Beruhigung der Gemüter so gar nicht zu klappen. Zu behaupten, etwas sei nicht da oder etwas anderes, als es in Wirklichkeit ist, ist in vielen Fällen direkter Ausdruck äußerst virulenter Furcht. Es gibt ein Video auf Youtube, in dem Menschen interviewt werden, die bei PEGIDA mitlaufen.

Wir erinnern uns: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (man lasse sich das auf der Zunge zergehen). Im Interview mit der Frage konfrontiert, warum sie denn angesichts eines Anteils von Muslimen an der sächsischen Bevölkerung von unter einem Prozent, solche Sorgen mit Blick auf eine Islamisierung des Abendlandes hätten, wissen sie alle nichts zu sagen, bzw. kannten diese Zahl nicht einmal. Im Grunde hätten sie sich doch freuen müssen. Ach, dann ist ja alles gut. Ich hatte schon Schiss, die Moslems würden uns die Bude einrennen. Aber wenn das wirklich nicht mal ein Prozent ist… kommt wir gehen nach Hause und backen Kekse!

Was würde Freud sagen?

Es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen Postfaktizität und Phantasie, doch zieht er einen recht unschönen Rattenschwanz hinter sich her. Wie schon Harry Frankfurt in seinem Buch über Bullshit an vielen Stellen nahelegte, gehört durchaus Kreativität und Phantasie dazu, sich durch das Leben zu bullshitten. Schließlich muss man immer noch eine Antwort parat haben, warum man denn glaubt, der Klimawandel sei eine Illusion und im besten Fall klingt diese Begründung nicht vollkommen grenzdebil und gibt einen der Lächerlichkeit preis (was in den meisten Fällen weniger gut gelingt). Nach Freud liegt der Ursprung des Phantasielebens in der Versagung kindlicher Bedürfnisse. Kleine Kinder verbringen viel Zeit damit, Hunger zu haben, ihre Mutter oder ihren Vater zu vermissen, die mal kurz ins Bad gegangen sind oder Bauchschmerzen zu haben, die auch durch engagiertes Furzen einfach nicht verschwinden wollen. Um mit diesen ständigen, zum Leben gehörenden, Entsagungen umgehen zu können, entwickeln Kinder Phantasie. Sie stellen sich vor, wie sie bald essen werden, wie jemand kommt, um sie auf den Arm zu nehmen und zu trösten. Hinter der Phantasie versteckt sich diesem Gedanken Freuds folgend ein eklatanter Mangel und diesem Mangel korrespondiert eine existentielle Angst (nicht gefüttert, getröstet und beschützt zu werden).

Der Mangel in uns

Dieser Mangel ist es, der aus der Aggressivität des Postfaktischen spricht. Wer den Klimawandel leugnet, findet ebenso wenig Ruhe wie jemand, der mit der Inexistenz einer islamischen Invasion konfrontiert wird. Prinzipiell müsste beides der Fall sein. Doch da am Boden eine tiefe Angst liegt, sind entweder die Informationen falsch (das sind bestimmt mehr Muslime) oder das Problem verschiebt sich nur (die Klimalobby bedroht die Gesellschaft). Mit der Postfaktizität fertig zu werden bedeutet damit, diesen existentiellen Mangel in seiner heute konkreten Form zu verstehen. Faktenchecks helfen nicht weiter und erreichen sowieso nur diejenigen, die sich noch für Fakten interessieren (weshalb sie zirkulär sind). Die Frage ist viel, viel schwerer und vor allem radikaler im marxschen Sinne des an die Wurzel Gehens. Woher kommt der Mangel und wie hängt er mit der gegenwärtigen Gesellschaft zusammen? Wie kommt es, das die heutige Gesellschaft, ganz offensichtlich Individuen hervorbringt, die nicht mehr eins sind und ihr Leben damit zubringen, angstvoll nach dem zu suchen, von dem sie glauben es verloren oder niemals gehabt zu haben? Und vor allen Dingen… was fehlt den Leuten so dringend? Es dürfte mehr als ein Job oder ein Haus mit Garten sein… Gefährlich wird es, wenn solche Menschen plötzlich dem Glauben verfallen, was sie vermissen, sei ihnen in Wahrheit weggenommen werden. Und genau das ist es, was gerade passiert