Identität über alles

Identität ist heute der Begriff, um den sich alles dreht. Teile der Linken verabschiedeten Marx und wechselten das Terrain, um sich für die Anerkennung der Identität sogenannter Minderheiten stark zu machen. Das waren vor allem Menschen mit von der Heteronormativität abweichenden Geschlechtsidentitäten oder Begehrensformen. Nachher kamen Menschen aus den ehemaligen Kolonien der Westmächte hinzu, gefolgt von Menschen mit Behinderung und anderen. Von der Mehrheit abweichende Minoritäten würden ausgeschlossen und diskriminiert, so der Tenor und dies gelte es durch entsprechende Verschiebungen der Normen und Anerkennungsmechanismen zu beseitigen.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Rechten diesen Gedanken für sich zu adaptieren begannen und wie so oft verstanden sie sich besser darauf als ihre linke Konkurrenz. Eigentlich bedroht sei die Mehrheit, so das Argument, umzingelt von Schwulen, Lesben, Transmenschen, Schwarzen, People of Color und linken Gutmenschen, die sich gegen ihr seit Jahrhunderten gewachsenes Lebensmodell verschworen haben. Deswegen gelte es, mit aller Entschlossenheit an der eigenen Identität festzuhalten und sie gegen den ungesteuerten Zuzug von Flüchtlingen ebenso zu verteidigen wie die Zumutungen des Genderwahns und ähnliche intellektuelle Verbrechen.

Alles auf eine Karte

Beide Ansätze weisen in vollkommen verschiedene Richtungen. Während die Linken für die Anerkennung von Differenz kämpfen und die hegemoniale Stellung des weißen, männlichen, heterosexuellen Subjekts in Frage stellen, machen die Rechten das genaue Gegenteil davon. Sie versuchen dieses Subjekt um jeden Preis zu retten und sind bereit, die Toten des europäischen Lager- und Grenzregimes dafür mit einem Achselzucken hinzunehmen – und das gilt nur für ihre gemäßigten Vertreter und Vertreterinnen der bürgerlichen Mitte. Die anderen gehen auf dem Weg deutlich weiter und schmeißen Brandsätze in Einrichtungen für geflüchtete Menschen. Doch beide Seiten – und das sei hier fernab jedes Anklangs an die Totalitarismusthese gesagt – haben auch etwas gemeinsam. Sie setzen jede Karte auf den Begriff der Identität. Noch dazu handelt es sich hier um einen recht starren Identitätsbegriff, der nicht als etwas changierendes, in sich differentes begriffen wird, sondern als eine Art harter Kern, der festschreibt, was ein Mensch ist und ihn im Inneren ausmacht.

Einmal links…

Linke sind mit ihrer Identität meistens alles andere als glücklich, weil sie zur Mehrheitsgesellschaft gehören und sich dadurch auf der Täterseite wiederfinden, zumindest wenn sie in Deutschland geboren sind. Folglich versuchen nicht wenige von ihnen, sich mit allen Mitteln von ihrem Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und vielem mehr zu befreien und auf diese Weise zu Menschen zu werden, deren Identität nicht auf der Unterdrückung anderer basiert. Das ist sicherlich eine gute Absicht, bringt aber natürlich keine Befreiung von männlichen, weißen oder anderen Privilegien mit sich. Vielmehr bleibt dieser Versuch beim Verzicht auf die Ausnutzung dieser (durch Reflexion als solche erkannten) Privilegien stecken, ändert aber nichts an deren Existenz. Das hat zweifellos etwas Gönnerhaftes an sich und böse Zungen könnten meinen, dieser Verzicht sei nichts anderes als eine weitere Spielart des Privilegs, dem zu entsagen das Ziel war.

und einmal rechts…

Die rechte Version des Leidens an der Identität funktioniert im Grunde spiegelbildlich zur Linken. Wo die Linken ihre Identität am liebsten loswerden würden, um nicht dieses langweilige, rassistische, deutsche Subjekt sein zu müssen, finden Rechte diesen Identitätsentwurf weder langweilig noch rassistisch, um in ihm statt dessen einen positiven Selbstbezug und das Versprechen von Sicherheit zu erblicken. Das Problem sind freilich die anderen. Die Gastarbeiter, die einfach nicht gehen wollten, die Juden, die überall mitmischen müssen, die Flüchtlinge, die sich auf Staatskosten ein schönes Leben machen. Und vor allem die Linken, die nichts eiligeres zu tun haben, als all diesen Minderheiten entgegenzukommen und jeden einen Rassisten zu nennen, der oder die hier im Namen von Tradition und Sitten Kritik anmeldet. Rechts zu sein, bedeutet vor dem Hintergrund des Identitätsbegriff betrachtet, das Leben als eine fortwährende Enteignung der eigenen Wurzeln zugunsten eines schaal und fremd schmeckenden Einheitsbreis zu empfinden

Drei Dinge für unterwegs!

Wenn die Linke in Zukunft noch irgendeine Rolle spielen will, sollte sie dringend aufhören, auf der Klaviatur der Identität zu spielen. Drei Dinge sollte man im Hinterkopf behalten.
Erstens: Die Dekonstruktion hegemonialer Subjektpositionen zielte vor allem auf den Nachweis der Verflochtenheit von Identität, Macht und Diskriminierung. Dies aber involviert auch die ausgeschlossenen Positionen. Heterosexualität gibt es nur durch die Abgrenzung gegenüber Homosexualität (und andere Identitäten). Sie als eng gefasste Kategorie zu überwinden bedeutet damit zugleich, sich auch vom Konzept der Homosexualität zu lösen, das mit ihr eng verbunden ist. Dekonstruktion flexibilisiert alle Identitäten und stellt das Konzept der Identität allgemein in Frage. Es ist also universell und nicht partikular wie es die Identitätspolitik ist.
Zweitens: Sich in einer hegemonialen Subjektposition zu befinden (weiß, hoch qualifiziert, flexibel, nach Möglichkeit männlich, usw.) mag zwar im Vergleich zu anderen Positionen in dieser Gesellschaft mit Privilegien einhergehen, doch besitzen diese durchaus zweifelhaften Charakter. Die Grenzen dieser Identität sind denkbar eng gesteckt, ebenso wie die regulierenden Normen und reagieren sehr empfindlich auf Übertretungen. Vor allem aber bringen sie einen verdinglichten Umgang mit sich selbst und anderen mit sich, der dazu führt an sich ebenso vorbeizulaufen wie an den anderen. Das hegemoniale Subjekt ist nur allzuoft ein unglückliches Subjekt. Um zu sich selbst zu gelangen muss es aufhören, hegemonial zu sein.
Drittens: Wie Menschen zu Subjekten gemacht werden, ist wesentlich abhängig von der Gesellschaftsform und vor allem von der Frage, wie diese Gesellschaft ihre Produktion einrichtet. Oder kurz: „It’s the economy, stupid!“. Auf Identität zu beharren, lässt die Frage offen, wem bestimmte Identitätsformen überhaupt nutzen. Am Kapitalismus festzuhalten und zugleich die Ausgrenzung von Minderheiten überwinden zu wollen, ist naiv, mehr aber auch nicht. Die Statusordnung der Gesellschaft wird zwar auch über Identitätskategorien verhandelt (vor allem Herkunft, Geschlecht und Alter), basiert aber noch immer sehr stark auf der Verfügungsgewalt über ökonomisches Kapital.