Die SPD mal wieder…

Nach der CDU und der FDP findet nun auch die in ihren letzten Zuckungen befindliche SPD zum Begriff der Leistung und versucht ihn für eine Revitalisierung ihrer Politik fruchtbar zu machen. Laut erschallt der Ruf nach einer Grundrente oberhalb der bloßen Grundsicherung für all jene, die 35 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben, damit Arbeit sich lohnt und die Lebensleistung der Menschen anerkannt wird.
Dass es aktuell die Sozialdemokratie ist, die den Begriff der Leistung so lautstark im Munde führt, verwundert allerdings nur bedingt. Schon Paul Lafarque beklagte die Einfallslosigkeit der damaligen Arbeiterbewegung, da dieser nichts anderes einfiel, als mehr Arbeit zu fordern und dann noch für alle. Ob diese Tristesse des politisch Imaginären geeignet sein wird, die Wählergunst von Rechts in Richtung Sozialdemokratie (links mag man hier ja nicht wirklich sagen) zu verlagern, darf indes bezweifelt werden.

Leistung ist die soziale Konstruktion per se

Bevor überhaupt von Leistung gesprochen oder sie gemessen werden kann, muss eine Einigung darüber erzielt werden, was überhaupt als Leistung gelten soll. Sieghard Neckel zufolge besteht eine Leistung in einem „individuell zurechenbaren Aufwand“, der zu einem „gesellschaftlich gewünschten Ergebnis“ führt. Bereits hier wird die Relevanz gesellschaftlicher Konstruktionsmechanismen deutlich. Was als gesellschaftlich wünschenswert gilt, ist in letzter Instanz immer eine politische Frage. Doch sogar wenn der Rahmen dessen, was als Leistung zählt, einmal abgesteckt ist, reproduziert sich das Problem auf kleinerer Ebene.
Auch auf den ersten Blick so einfache Tätigkeiten wie das Verladen von Paketen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als unendlich komplexe soziale Phänomene. Sicherlich kann man Pakete zählen, um festzustellen, wer am meisten geschleppt hat, doch umfasst dies nur einen geringen Teil der erbrachten Leistung. Jede Arbeit setzt sich aus Faktoren wie sozialen Kompetenzen, dem Umgang mit Stress, den Konsequenzen der individuellen Lebensführung und vielen weiteren Faktoren zusammen, die sämtlich in die bei der Arbeit erbrachte Leistung einfließen. Diese auch nur annähernd exakt zu quantifizieren, ist vollkommen unmöglich und müsste zudem für jeden Arbeiter und jede Arbeiterin individuell durchgeführt werden. Lässt man von der Leistung allerdings alles weg, was gerade nicht berechnet werden kann oder soll, um sich statt dessen auf die Quantifizierung des Endergebnisses zu konzentrieren, misst man statt Leistung Produktivität. Damit aber ist man wieder bei der Ausbeutung angekommen.

Leistung erbringt nie ein Mensch allein

In einer auf Dienstleistungen, Arbeitsteilung und Spezialisierung basierenden Arbeitswelt werden Arbeitsprozesse nicht von einer Person alleine getragen. In der Regel setzt Arbeit heute Kooperation voraus, wodurch es (wenn überhaupt) nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich ist, dem „gesellschaftlich gewünschten Ergebnis“ einen entsprechenden „individuellen Aufwand“ zuzuordnen. Viele Köche verderben zwar keineswegs den Brei, können aber vor dem Endprodukt ihrer Arbeit stehend nicht sagen, wer welchen Teil des Kuchens gebacken hat.
Wo es innerhalb von Teams vielleicht noch ein Gefühl dafür geben mag, wer wieviel zum Gelingen des gemeinsamen Arbeitsprozesses beiträgt, wird dies bei Dienstleistungen nicht selten unmöglich. Eine gute Zahnärztin wird auf eine korrekte Diagnose ebenso achten wie auf die möglichst schmerzfreie Behandlung ihrer Klientel. Ob ihr damit allerdings Erfolg beschieden ist, hängt von der Qualität ihrer Arbeit ebenso ab wie von der Bereitschaft ihres Gegenübers, sich regelmäßig die Zähne zu putzen, bei der Behandlung still zu halten und Nachsorgetermine einzuhalten. Ohne die Mitwirkung des Gegenübers können nur die wenigsten Dienstleistungen auskommen, wodurch die Möglichkeit eines individuell messbaren Aufwands verschwindet.

Leistungs- und Chancengleichheit sind nicht gerecht

Wenn aus den beiden vorhergehenden Gründen Leistung weder zuverlässig definiert noch gemessen werden kann, verwandelt sie sich in eine willkürliche Zuschreibung. Wer etwas leistet wird durch die soziale Statusordnung festgelegt, nicht umgekehrt. Genau dies ist es, was den Leistungsbegriff für jede Diskussion um gesellschaftliche Gerechtigkeit absolut unbrauchbar macht, da es hier weder Fakten noch rationale Argumente geben kann, die es erlauben würden, eine vernunftbasierte Diskussion um individuelle Anstrengung und gesellschaftlichen Beitrag zu führen.
Auch wenn die beiden ersten Punkte unzutreffend wären, bliebe ein Gerechtigkeitsproblem bestehen. Wenn alle Menschen unter der Bedingung von Chancengleichheit ihr Bestes geben, um ein gesellschaftlich gewünschtes Ergebnis zu erzielen und ihre Anstrengungen dabei zuverlässig gemessen werden können, ändert dies nichts an der Tatsache, dass dieser Prozess Gewinner und Verlierer produziert. Auch im theoretisch unmöglichen Szenario einer funktionierenden Leistungsgesellschaft bleiben die meisten im Rennen um die Spitze auf der Strecke. Dies Gerechtigkeit zu nennen dürfte nicht einmal den traurigen Resten der Sozialdemokratie in den Sinn kommen.
Dass die SPD diesen Versuch, wieder auf die Beine zu kommen, ebenso verbocken wird wie die zurückliegenden darf indes als sicher gelten. Wenn Parteipolitik ein Boxring wäre, könnte jemand das weiße Handtuch werfen. So kann man nur noch nach Hause gehen. Das Politische ist anderswo!