Wasser auf die Mühlen

Jetzt ist es raus. Claas Relotius, viel gefeierter, mit Preisen dekorierter Journalist für zahlreiche namenhafte Zeitungen und Magazine, hat mehrere seiner Reportagen für den Spiegel schlicht erfunden. Der Spiegel kündigte natürlich Aufklärung an, denn jetzt geht es um alles. Die Glaubwürdigkeit eines so traditionsreichen wie renommierten Nachrichtenmagazins steht auf dem Spiel und droht von den „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Rufen der Rechten erstickt zu werden. Genau hier liegt auf den ersten Blick das Problem. Wer in einem Klima wie dem heutigen journalistisch nicht 100prozentig seriös arbeitet, fördert die ständigen Angriffe auf die vierte Gewalt der Medien, die desto stärker unter Druck geraten, je mehr sie sich nach wie vor darum bemühen, eine differenzierte Sicht auf die soziale Wirklichkeit zu werfen.
Was Claas Relotius gemacht hat, so scheint es, fällt jedem Journalisten und jeder Journalistin in den Rücken, die sich, nicht selten bei karger Bezahlung, darum bemühen, sorgfältig zu recherchieren und die Ethik ihres Berufs gerecht zu werden. Die Lügenpressefraktion der Bevölkerung wird sich die Hände reiben. Wenn sogar ein Blatt wie der Spiegel erfundene Geschichten veröffentlicht, machen das natürlich auch alle anderen und natürlich kommt dabei die herrschende Ideologie der Migrationslobby, Umweltfreunde heraus und sonstiger Gutmenschen. Die ersten Youtube-Videos sind natürlich bereits online (und werden hier auf keinen Fall verlinkt).

Gonzo-Journalism

Die Problematik reicht wesentlich weiter. Wohlwollend ließe sich sagen, Claas Relotius schließe mit seinen fingierten an die von Hunter S. Thompson begründete Tradition des Gonzo-Journalism an. Thompson sollte 1970 einen Artikel über das Kentucky Derby Pferderennen schreiben, wurde aber nicht rechtzeitig fertig (man kann sich denken warum) und schickte statt eines fertigen Textes einfach seine Notizen. In diesen ging es allerdings wesentlich weniger um das Rennen selbst als die Gefühle und Erlebnisse des Autors während des Rennens. Gonzo-Journalismus ist demnach durch radikale Subjektivität geprägt und besitzt einen Umschlagpunkt zur Literatur. Im Gegensatz zu Claas Relotius war Hunter S. Thomson allerdings wenigstens am Schauplatz, über den er berichtete und verfügte über ungemeines schriftstellerisches Talent. Sein Buch „Fear and Loathing in Las Vegas“ ist legendär und ein Stück Literatur, an das man sich lange nach der Lektüre noch erinnert.
Nein, was Claas Relotius gemacht hat, besitzt nur oberflächlich Ähnlichkeit mit Thompsons Gonzo-Journalism. Der war etwas neues, ein Durchbruch der Subjektivität in einer konformistischen Gesellschaft und Ausdruck des Aufbegehrens gegen soziale Konventionen.

Doch Lügenpresse?

Claas Relotius hat schlicht und einfach gelogen. So einfach ist das. Er hat Geschichten als echt deklariert, die er in Wirklichkeit erfunden hat. Damit spielt das Problem offensichtlich auf der Klaviatur von Wahr und Falsch und der gleichzeitigen Möglichkeit, beides sauber voneinander zu trennen. Genau hier schließen die Rufe nach der Lügenpresse an. Lügenpresse heißt: Die Dinge sind eigentlich ganz anders, als sie in den Medien dargestellt werden, doch es gibt eine Verschwörung, einen schweigenden Konsens der gesellschaftlichen Mitte, eine nahezu alles durchdringende Ideologie, die für eine falsche Darstellung der realen Ereignisse sorgen. Wie der Name sagt, stellt sich der Vorwurf der Lügenpresse auf den Boden der Wahrheit, von woher er mit scheinbarer moralischer Überlegenheit sein Urteil über die „Systempresse“ (auch so ein Wort) fällt.
Dass die Lügenpressefraktion nicht die Wächterin über Wahrheit und Lüge und auf diese Weise darum bemüht ist, sich selbstlos für die Qualität des deutschen Journalismus einzusetzen, dürfte allen Menschen klar sein, die das Denken noch nicht vollkommen verlernt haben. Ebenso wenig aber kann man den Vorwurf der Lüge einfach umdrehen und denen entgegenhalten, die angesichts der Enthüllungen um Claas Relotius nun so schnell mit der „Lügenpresse“ zur Hand sind. Der springende Punkt an dieser Stelle ist vielmehr folgender: Der Lügenpresse-Vorwurf ist weder wahr noch falsch. Natürlich wird in Zeitungen auch einmal gelogen, dazu gedichtet und verfälscht (die Kritik an der Bildzeitung hat hier Tradition) und natürlich wird ebenso gut sorgfältig recherchiert und im besten aufklärerischen Sinne Journalismus betrieben. So betrachtet ist nichts passiert, was nicht schon häufiger passiert wäre. Jemand hat gelogen und betrogen, um sich Anerkennung zu verschaffen und wahrscheinlich auch einiges an Geld damit zu verdienen.

Nein, postfaktisch!

Der Vorwurf der Lügenpresse ist weder wahr noch gelogen. Er ist postfaktisch, da er sich um die Wahrheit nicht im Geringsten schert, um in einem dramatischen Gestus der Übergeneralisierung der kompletten deutschen Presselandschaft den Vorwurf der Lüge und Beteiligung an einer Verschwörung zu machen. Und in diesem Punkt ist er dem Objekt seines Vorwurfs sehr ähnlich. Auch Claas Relotius hat nicht eigentlich gelogen. Er hat sich Geschichten ausgedacht, die so oder ähnlich passiert sind oder in einem politischen Klima wie heute zumindest hätten passieren können. Es ist diese Gleichgültigkeit nicht gegenüber der Wahrheit (im Rahmen einer Lüge), sondern gegenüber der Dichotomie von Wahrheit und Lüge an sich (als Opposition, in der man sich positionieren muss), die das einende Element zwischen der Lügenpressefraktion und einem Journalisten wie Claas Relotius ist.
Schlimm ist hier weniger der Schlag für den seriösen Journalismus und die vierte Gewalt. Solche Schläge sollten beide vertragen können, so sie denn auf festen Beinen stehen. Schlimm ist das Klima, in dem solches gedeiht. Die Ursache dieses Klimas liegt weniger in einem Verfall journalistischer Ethik begründet (da gab es immer schwarze Schafe), sondern in der Ökonomisierung, von der auch dieser Bereich der Gesellschaft mit bislang unbekannter Härte erfaßt wird. Wo Information und Aufklärung der Öffentlichkeit zu einer Ware werden, muss sich niemand wundern, wenn Geschichten nach Marktlage, nach den Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, erfunden werden. Genau diese Kommodifizierung ist der Ursprung des postfaktischen Klimas, in dem ein Claas Relotius sich offensichtlich ebenso wohl fühlt wie die so überaus laute Lügenpressefraktion. Mit dem Unterschied, das Ersterer seinen Fehler eingestanden hat.