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Ein Plakat, ein Plakat!

Dieses Plakat hängt im Moment in vielen Ecken Berlins und vielleicht auch in anderen Städten. Es wirbt für einen Besuch des 2015 eröffneten Spionagemuseums, das sich der Geschichte der Spionage weltweit mit einem besonderen Fokus auf Spionage in Berlin während des kalten Krieges widmet. Davon kann man sicherlich halten was man will. Das Plakat indes ist wirklich interessant und wirft eine höchst virulente Frage auf.
Auf der einfachsten Ebene spricht das es für sich selbst. Wo die Stasi sich abrackern musste, um Nachwuchs anzuwerben, die halbe DDR zu inoffiziellen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu machen, haben die Menschen heute nichts besseres zu tun, als akribisch über ihr Leben Buch zu führen und die Ergebnisse dieser gewissenhaften Dokumentation online zu stellen. Wo die Stasi wühlen musste, um herauszufinden, wer mit wem befreundet war und welche Orte die betreffende Person regelmäßig aufsuchte, geben die heutigen Menschen diese Dinge von sich aus preis, selbst dann, wenn sie niemand darum bittet. Nicht nur das. Sie genießen es auch noch.
Doch das ist nicht alles. Auch die Farbgebung ist interessant. Wo der grüne Stasimann in eine dunkle, sich entziehende Umgebung schaut, ist die Umwelt heute vollkommen durchleuchtet und es sind die Dinge des täglichen Gebrauchs wie Handy oder Smartwatch, die sich unserem Blick entziehen. Die Beobachtungssituation hat sich gewissermaßen verkehrt. Wo die Figur des Spions sich einer ihr unverständlich, mühsam zu entschlüsselnden Welt gegenübersah, ist diese Welt heute vollkommen transparent, ohne das wir verstehen, wie unser Zugang zur Welt vermittelt wird. Das Begehren der Stasi ist das Begehren der Bürger geworden.

Ich habe nichts zu verbergen

Solche Vergleiche machen nachdenklich, weil sie so offensichtlich wahr sind. Doch gleichzeitig stimmt da etwas auch nicht. Schließlich wissen die Leute sehr genau, wie intensiv sie von Google, Facebook, Instagram, Amazon oder dem Betriebsystem ihres Computers ausspioniert werden, stören sich daran aber in der Regel nicht im Geringsten. Auf Google zu verzichten mag ein wenig mühsam sein. Ohne Facebook oder Instagram auszukommen erfordert eine gewisse Neuorientierung in der digitalen Kommunikation. Im Grunde alles kein Problem. Doch niemand unterzieht sich dieser Anstrengung. Statt dessen fahren wir alle weiter damit fort, Datensatz um Datensatz zu produzieren, die wir anschließend an Google und Facebook verschenken, damit sie sich damit eine goldene Nase verdienen, Geld von dem wir nichts sehen, obwohl wir doch Tag um Tag für diese Firmen arbeiten. Warum also ist die Wut auf die Stasi ein Grund für den Umsturz der DDR gewesen, während wir es genießen, Google und Amazon bis in unsere Schlafzimmer zu geleiten und ihnen unsere geheimsten Wünsche anzuvertrauen? An dieser Stelle heißt es dann meistens: „Ich hab nichts zu verbergen.“, oder: „Wenn die Spaß an meinem Bestellverlauf haben… ich fände das eher langweilig“ und schließlich: „Daten sammeln alle. Da kommen wir sowieso nicht drumrum.“
Das ist der wesentliche Unterschied zur DDR und der Stasi. Wer sich damals zu kritisch äußerte, landete auf der Grundlage seiner durch Schnüffelei zusammen gestellten Akte schnell in Bautzen und kam so schnell in den meisten Fällen nicht wieder raus, wenn überhaupt. Wegen seines Bestellverlaufs bei Amazon ist aber wohl bislang ebensowenig jemand eingesperrt worden wie jemand verschleppt wurde, weil er niedliche Katzenbilder bei Facebook gepostet hat.

Ich weiß wo du wohnst

Das ist natürlich wahr. Doch verbirgt sich hinter diesen so oft geäußerten Sprüchen noch ein wenig mehr. Heute mögen die Daten, welche wir ebenso selbstlos produzieren wie verschenken, vor allem für eine möglichst genaue Beschallung mit Werbung, also die Steuerung unseres Konsumverhaltens, unseres Geschmacks und unserer Weltwahrnehmung benutzt werden. Auch wenn dies ein immenser Eingriff in unsere Persönlichkeit ist, genießen wir es doch eher, als das wir darunter leiden, schließlich erfreuen wir uns an Dingen, die uns schön erscheinen und mögen das Gefühl uns mit Neuem zu umgeben. Glückliche Sklaven vielleicht, aber glücklich und nicht gerade bereit für den Widerstand.
Doch diese Daten könnten von heute auf morgen auch vollkommen anders genutzt werden. Die bei Amazon bestellten Bücher gewähren einen sicheren Einblick in die politische Gesinnung eines Menschen, regelmäßige Treffen mit politisch bekannten Menschen können auf das Entstehen von aktiven Zellen hindeuten und wer sich ehrenamtlich in der Flüchtlingssolidarität engagiert ist vielleicht ein Schlepper oder hat wenigstens Kontakt zu welchen. Einen Menschen abzupassen, um ihn oder sie zusammen zu schlagen, ihn zu brechen, indem man Gewalt gegen diejenigen ausübt, die er oder sie liebt, dürfte nie so leicht gewesen sein wie heute. In den meisten Fällen reicht eine Freundschaftsanfrage und man hat Zugriff auf genügend Daten, um jemanden in effizienter Weise einzuschüchtern, mundtot zu machen oder ihn auch zu vernichten.

Bleizeit

Dass die Menschen sich nicht für ihre Daten interessieren, Facebook, Google und all die anderen Dienste benutzen, obwohl sie wissen, keine Kontrolle zu haben, hängt nicht im geringsten damit zusammen, dass sich diese immense Datensammlung nicht gegen sie wenden könnte. Es brauchen sich nur die Mehrheiten im politischen Spektrum noch weiter nach rechts zu verschieben und ein Bestellverlauf bei Amazon ist in 15 Jahren vielleicht schon hoch politisch und entscheidet über den Verlauf eines Lebens
Das wissen auch die Menschen da draußen. Was sie sich indes nicht vorstellen können, ist DASS es passiert. Die Gesellschaft, in der wir leben, in der es um nichts geht, als die möglichst effiziente Befriedigung von Konsumentenbedürfnissen, erweckt den Eindruck, als könne sie sich niemals ändern. Da mögen mal die Rechten ein wenig stärker sein, dann wieder die Linke, aber im Endeffekt wird wie immer nichts passieren und wir werden weiter einkaufen gehen, eingelullt von der Fahrstuhlmusik, die schon lange zum Soundtrack unseres Lebens geworden ist. Politische Umstürze, Faschismus, religiöser Fanatismus… das alles ist dort draußen und hat mit unserem Leben nichts zu tun (zumindest solange wir die Grenzen dicht halten). Wenn in Sachsen Landtagswahl wäre, würde die AFD auf 25% der Stimmen kommen und wäre damit nur 4% hinter der CDU als stärkster Partei. Die Zeiten können sich ganz schnell ändern, zum Guten wie zum Schlechten. Und wo die Konsequenz unserer Datenproduktion heute noch in individuell ausgerichteten Werbeanzeigen besteht, kann sie morgen schon an unsere Tür klopfen und uns bitten, sie zu einer Befragung auf die Wache zu begleiten.