Mal wieder eine neue Studie

In den letzten Tagen ging eine neue Studie zur sozialen Ungleichheit durch die Medien. Die NGO Oxfam erstellt mit großer Regelmäßigkeit Untersuchungen zum Thema Armut und Verteilung sowie zur Entwicklung der sozialen Schere. Dass dabei unweigerlich spektakuläre Zahlen und Größenverhältnisse zustande kommen, dürfte jedem und jeder klar sein, der oder die sich auch nur oberflächlich mit dem Thema sozialer Ungleichheit auseinandergesetzt hat. Entgegen mancher Kritik hat dies weniger mit der Methodik der Oxfam Studien zu tun, als mit deren Untersuchungsgegenstand. Und so bestätigt im Grunde auch diese Studie nur das, was eigentlich schon alle wußten: Die Verteilung des weltweit existierenden Reichtums geht auf keine Kuhhaut und hat mit Gerechtigkeit nicht einmal in den kühnsten Träumen auch nur das Geringste zu tun. Aber schauen wir uns doch ein paar Zahlen aus der neuen Studie an:

  • Während im vergangenen Jahr das Vermögen der 1892 Milliardäre und Milliardärinnen um 12 Prozent anwuchs (2,5 Milliarden Dollar) pro Tag), verlor die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, bestehend aus 3,8 Milliarden Menschen, 11 Prozent (500 Millionen Dollar).
  • Würde man das reichste Prozent der Weltbevölkerung mit einer Vermögenssteuer von 0,5 Prozent belegen, könnte man damit die 262 Millionen derzeit nicht zur Schule gehenden Kinder zur Schule schicken und eine staatliche Gesundheitsversorgung schaffen, die in der Lage wäre, den Tod von 3,3 Millionen Menschen zu verhindern.
  • Das reichste Prozent der Deutschen besitzt ebenso viel wie die 87 ärmeren Prozent der Bevölkerung, womit Deutschland im internationalen Vergleich mittlerweile zu einem der Länder mit der größten Vermögensungleichheit zählt.
  • Während 15,8 Prozent der deutschen Bevölkerung von Einkommensarmut betroffen sind und jedes fünfte Kind unter Armut leidet, konnten die deutschen Milliardäre und Milliardärinnen ihr Vermögen um 20 Prozent ausbauen.

All fucked up!

Dass uns diese Zahlen beim Lesen jedes Mal aufs Neue schockieren, liegt vielleicht daran, wie schlecht wir sie uns merken können. Und das hat vielleicht wesentlich etwas mit dem einfachen Umstand zu tun, wie schwer es ist, sich vorzustellen, was diese Zahlen eigentlich bedeuten, welche Proportionen sich in ihnen ausdrücken und wie radikal die Abgründe sind, die Menschen heute voneinander trennen. Auf YouTube kursiert ein Video, das die Verhältnismäßigkeit einzufangen versucht, indem es sie graphisch ausdrückt.

Die Zahlen sind horrend! 2017 kam Oxfam in der Studie zur weltweiten Verteilung gar zu dem Schluss, die acht reichsten Menschen würden zusammen soviel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dieses Spiel kann man immer weiter treiben und sicherlich ist es möglich, Zahlen und Verhältnisse zu finden, die noch spektakulärer sind. Denn genau darauf ist die Präsentation von Oxfam schließlich ausgelegt: Auf die Mobilisierung von Affekten, um Menschen von passiven Rezipienten und Rezipientinnen in aktive politische Subjekte zu verwandeln, die sich gegen die weltweite Ungerechtigkeit der Verteilung des Reichtums zur Wehr setzen.

Uns doch egal!

Und genau das passiert nicht! Ganz im Gegenteil. Die Menschen wählen im Großen und Ganzen die gleichen Parteien wie zuvor (die ihnen Hartz 4 und einen Spitzensteuersatz von historisch niedrigen 42 Prozent eingebrockt haben). Andernfalls wählen sie die AFD und damit rechts. Von Kritik und Widerstand ist nichts zu spüren, es sei denn, es geht gegen Flüchtlinge oder Europa. Aber das dürfte kaum die Kritik sein, die Organisationen wie Oxfam gerne ins Leben rufen würden.
Dabei müssten die Menschen doch eigentlich schon nach der Durchsicht weniger Zahlen (sei es nun denen von Oxfam oder denen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes oder auch nur denen der Armut- und Reichtumsberichte) wie in einem alten Frankensteinfilm nach Mistgabeln und Fackeln greifen, um sich auf die Straßen zu begeben und die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Macht aber keiner. Zuhause ist es eh am besten.
Das hat wahrscheinlich auch ganz einfache Gründe. Dadurch das Bill Gates oder Marc Zuckerberg einen Teil ihres Vermögens abgeben, geht es hierzulande niemandem besser. Allenfalls wird damit ein diffuses Gerechtigkeitsgefühl und eine gewisse Schadenfreude befriedigt, weil es nun endlich mal auch „denen da oben“ ans Leder geht und nicht immer nur den „kleinen Leuten“. Und die Sache mit der Steuer klingt zwar gut. Doch gleichzeitig wäre es vielleicht sehr unschlau, den reichsten Menschen der Welt noch zusätzliche Macht in die Hände zu legen, indem man sie für Schulbildung und Gesundheitsversorgung von Millionen aufkommen lässt. Hier werden Studien wie die von Oxfam bis zu einem gewissen Grad Opfer ihrer eigenen Kommunikationsstrategie. Die Menschen sind nicht so dumm wie oft gedacht und spüren durchaus, dass es nicht die Gates und Zuckerbergs dieser Welt sein werden, die ihnen aus der Misere helfen.

Faktencheck? Sesamstraße!

Ein tiefer liegender Grund für die resignative Stimmung angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt liegt aber an anderer Stelle. Die Tagesschau hat die Oxfam Studie angesichts der rituell mit ihr einhergehenden Kritik einem Faktencheck unterzogen (wohl nicht zuletzt auch, um dies nicht immer nur bei Aussagen von Rechten zu tun und sich deswegen Parteilichkeit vorwerfen lassen zu müssen – noch so ein Problem von Faktenchecks). Neben Fragen zur Methodik und zentralen Aussagen der Studie wird als letztes der Vorwurf thematisiert, Oxfam geißele den Kapitalismus (das marktliberale Institute of Economic Affairs hat sich nicht entblödet, dies in der Öffentlichkeit zu verkünden, um die Studie zu diskreditieren).
Wer sich an seine oder ihre Kindheit noch erinnert wird sicherlich nicht die Sesamstraße vergessen haben. Um Kinder bei der Entwicklung logischen Denkens zu helfen, gab es regelmäßig kleine Geschichten mit dem Krümelmonster und anderen, in denen es um verschiedene Gegenstände ging, von denen alle bis auf einen zur selben Kategorie gehörten (drei Musikinstrumente und eine Banane). Ebenso ist es verhält es sich mit dem Faktencheck der Tagesschau. Während die anderen Fragen sich auf den Inhalt der Studie beziehen, widmet sich die Frage nach dem Dämonisieren des Kapitalismus plötzlich der Ethik: Darf man das? Hat Oxfam den Bogen überspannt? Sind die vielleicht gar gefährlich? Keine Panik. Die Tagesschau gibt Entwarnung und wertet die Aussage von der Dämonisierung als „zu kurz gegriffen“. Puh!
Diese kleine Anekdote erklärt das Ausbleiben der öffentlichen Empörung angesichts immer größer werdender Verteilungsungerechtigkeit besser als manch langatmige Spekulation über die Psyche des modernen Menschen. Wo schon der Verdacht, eine Einrichtung oder eine Person könne sich klar gegen den Kapitalismus aussprechen, als Übertretung der Norm gewertet wird, herrscht offensichtlich ein Klima, in dem das Denken sich selbst schwere Fesseln anlegt, um nicht Gefahr zu laufen, das herrschende Paradigma zu verlassen. Da kann man sich kaum noch wundern, wenn Ungerechtigkeit niemanden hinter dem Ofen hervorlockt. Es gibt ja doch keine Alternative. Und genau diesen Mangel an Imagination gilt es aufzubrechen, auch wenn es dazu des Mutes bedarf, der allgemeinen Abgeklärtheit und Zynik mit Hoffnung zu begegnen und sich deswegen vielleicht einen Naivling nennen lassen zu müssen.