Neulich in Bremen

Der Bundestagsabgeordnete der AFD Frank Magnitz ist in Bremen von hinten mit einem Kantholz niedergeschlagen und anschließend noch mit Fußtritten zum Kopf malträtiert worden. Die Bremer Staatsanwaltschaft (die wohl kaum des Linksradikalismus zu verdächtigen ist) hat basierend auf der Auswertung der Aufnahmen einer Überwachungskamera zwischenzeitlich klargestellt, es sei weder ein Schlaggegenstand vorhanden gewesen, noch hätten die Täter Magnitz mit den Füßen getreten. Wesentlich wahrscheinlicher ist er wohl von hinten angesprungen worden und hat sich dann beim Sturz verletzt. Die AFD bleibt indes standhaft bei ihrer Version, auch wenn aus dem Kantholz mittlerweile ein “kantholzähnlicher” Gegenstand geworden ist. Locker postfaktisch vom Hocker, in dieser Hinsicht bleibt die AFD sich auch in ihrer überaus lauten Empörung treu. Eines ist jedoch kaum zu bestreiten. Wie man es dreht und wendet: Jemanden von hinten anzuspringen, der daraufhin stürzt ohne wieder aufzustehen, um anschließend zu flüchten und den Geschädigten ohne Hilfe zu lassen, ist menschlich betrachtet niederträchtig. Und falls die Tat wirklich einen linken politischen Hintergrund haben sollte, wäre sie ein heißer Anwärter auf die größte politische Dummheit des Jahres 2019. Die Täter oder Täterinnen sollten sich in diesem Fall um einen Job in der Wahlkampfabteilung der AFD

Nicht alle Opfer sind gleich

Das Wort Opfer ist mittlerweile zu einer Beschimpfung verkommen. Niemand möchte in einer Kultur, die Werte wie Autonomie und Individualität feiert und die Verantwortung für Erfolg und Niederlage stets in den Anstrengungen des Einzelnen verortet, als Mensch gelten, dem Eigenschaften wie Schwäche und Ohnmacht anhaften. Das Opfer provoziert seine Betrachter und Betrachterinnen heute schon allein durch seine Präsenz, die von der Verletzlichkeit der menschlichen Existenz sowie der essentiellen Rolle zwischenmenschlicher Verbundenheit kündet und damit auf eine Schwäche hinweist, die unweigerlich mit der menschlichen Existenz einhergeht, sowenig viele das auch wahrhaben wollen. Die AFD ist bekanntlich stets in der ersten Reihe dabei, wenn es darum geht, auf vermeidlich Schwache einzuschlagen und ihre Ansprüche auf ein Stück Leben als überzogen zurückzuweisen. Ob das nun Flüchtlinge sind, Langzeitarbeitslose oder Menschen aus der LGBTQ-Szene: Sie alle sollen sich mal nicht so haben, sie sollen selbst mit ihrem Leben klarkommen und aufhören, uns mit ihren Problemen zu behelligen. Doch so wie bei Orwells Fabel “Farm der Tiere” einige Tiere einfach gleicher sind, kennt die AFD auch Opfer, deren Klagen aus menschlichen Gründen Gehör zu schenken ist (weswegen sie die zuvor geäußerten Sätze vehement bestreiten würde). Diese Opfer sind… Tata, Trommel und Tusch!… natürlich sie selbst. Die armen Menschen, die einfach nur ihre Sorgen ernst genommen wissen wollen, die mit der schweren Bürde beladen sind, auszusprechen, was alle denken, aber keiner sich zu sagen traut und für all dies nicht nur als Nazi beschimpft werden, sondern nicht einmal mehr den Fuß auf die Straße setzen können, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Wie jüngst eben Frank Magnitz.

Pawlow und sein Hund

Vor einiger Zeit war auf der Webseite der AFD die schlichte Botschaft zu lesen: “AFD wirkt!”. Nicht könnte wahrer sein als das. Nicht nur hat sie es geschafft, sämtliche Parteien zu einem Kurswechsel nach rechts zu veranlassen. Auch der politische Diskurs hat sich seit ihrer Existenz spürbar verschoben. So übertrafen sich nach Bekanntwerden des Angriffs auf Frank Magnitz denn gleich Vertreter_innen und Vertreter aller Parteien in Verurteilungen der Tat. Gewalt habe in einem demokratischen Rechtsstaat nichts verloren. Gewalt dürfe niemals Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Wer Gewalt zur Durchsetzung seiner Mittel verwende, habe in einer Demokratie nichts zu suchen. Bla, bla, bla. Das die heutige Gesellschaft an allen Ecken und Enden von Gewalt durchzogen ist und der angeblich so gewaltfreie Status Quo auf verschwiegener Gewalt basiert, kam freilich niemandem in den Sinn und noch weniger war es irgend jemandem einen kritischen Kommentar wert. Eine Gesellschaft an deren Grenzen Leichen angespült werden, in der jede dritte Frau körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfährt und jüdische Einrichtungen Tag und Nacht von der Polizei bewacht werden, gewaltfrei zu nennen ist ein Zeichen von Dummheit oder Ignoranz, mehr aber auch nicht. Doch diese Gewalt ist eben normal, ist der Preis, den wir dafür entrichten, unter uns zu bleiben, den Komfort des Patriarchats zu genießen und die Geschichte des Nationalsozialismus ad acta zu legen.

Empathie und Solidarität

Doch die AFD wirkt noch wesentlich tiefer. Hinter der reflexhaften Bekundung von Betroffenheit wird eine Nähe sichtbar, welche die Beteiligten ansonsten weit von sich weisen würden. Einige indes bringen diese Nähe auch auf den Punkt. So schreibt Boris Reitschuster im Cicero, er fühle sich mitschuldig an der Attacke auf Frank Magnitz, weil auch er so lange zu dem von Anfeindungen und Drohungen gekennzeichneten politischen Klima geschwiegen habe, in dem Mitglieder der AFD sowie deren Wähler und Wählerinnen nicht mehr sicher leben könnten. Der Vorwurf, ein Nazi zu sein, sei entmenschlichend, schreibt Reitschuster und zieht von dieser Feststellung eine Parallele zu Russland, wo Menschen mit derselben Begründung umgebracht und bedroht würden. Mahnend schreibt er in seinem Artikel:

“Solche Zustände sind unerträglich. Unerträglich ist auch, dass viele das hinnehmen und schweigen. Oder gar befeuern. Es ist auch dieses Hinnehmen und Schweigen, die zu Attacken wie der in Bremen auf den AfD-Mann Magnitz führten. Man kann nur hoffen, dass über die vielen wohlklingenden Bekenntnisse von Politikern aller Parteien hinaus nach dieser Tat ein Umdenken stattfindet und die tieferen Wurzeln bekämpft werden – bevor noch Schrecklicheres passiert.”

Und da ist sie wieder: Die gute, alte, so furchtbar deutsche Täter-Opfer Umkehr. Die AFD wird zur verfolgten politischen Minderheit und obendrein noch zum Gradmesser für die Offenheit des politischen Klimas in Deutschland. Diese Haltung hat Zvi Rix mit seinen berühmten Worten “Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!” treffend zusammen gefasst.

Nüchtern betrachtet

Kochen wir es mal runter, so schwer das auch fällt. Was ist also passiert? Frank Magnitz ist von hinten angegriffen worden und hat sich beim Sturz ernste Verletzungen zugezogen. Das kann einen politischen Hintergrund haben, ebenso aber kann die Tat auch auf die betrunkene Laune einiger Nachtschwärmer zurückgehen, die nicht einmal wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Dass bereits ohne jedes Wissen um die Hintergründe der Tat die Betroffenheitsmaschine angeworfen wird, ist beschämend und zeigt, in welchem Maße es der AFD gelungen ist, ihre vermeidlichen Gegner und Gegnerinnen auf ihr Terrain zu ziehen. Wo die AFD und ihre Mitglieder aber wie im Cicero als Opfer des politischen Klimas dargestellt werden, kippt der politische Diskurs endgültig zugunsten der Rechten, die dergestalt nicht nur einen Freifahrtschein für ihre öffentlichen Auftritte bekommt, sondern auch noch einen generellen Anspruch auf Empathie und Solidarität erhält. Die eigentliche Frage aber ist: Es gibt so viel Gewalt, nicht nur auf der Welt, sondern auch hier, in unserer angeblich so friedlichen Gesellschaft. Die rassistische Gewalt hat stark zugenommen, viele Juden klagen darüber, sich nicht mehr sicher zu fühlen und sexuelle Gewalt gegen Frauen gilt zum Teil noch immer als Kavaliersdelikt. Angesichts all dieser Gewalt ist es logisch, dass der Fokus der medialen Aufmerksamkeit nicht überall zugleich liegen kann, ebenso wie der Fokus öffentlicher Empathiebekundungen. Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, die so stark von Gewalt durchzogen ist, wenn ihr als Objekt ihrer Empörung ausgerechnet Frank Magnitz als Mitglied einer rechtsextremen Partei ins Auge fällt? AFD wirkt!