Erfindergaben

Im letzten Eintrag (Lügenpresse, Lügenpresse!) ging es um Claas Relotius. Der hat bekanntlich vor wenigen Tagen zugegeben, mehrere seiner Spiegelreportagen mehr oder weniger frei erfunden zu haben. Das kam für die Lügenpressefraktion der Gesellschaft und Anhänger von Verschwörungstheorien natürlich wie bestellt und entsprechend groß war die Freude. Fast wie ein Weihnachtsgeschenk war das. Doch wie gesagt: Wen kann es wundern, wenn solches dort passiert, wo Journalismus zur Ware wird und sich die Produzierenden dieser Ware denselben Effizienzkriterien beugen müssen wie alle anderen auch? An der Ressource Zeit ebenso zu sparen wie an Reisekosten und anderen Aufwendungen, um mit minimalem Aufwand zum Ziel zu kommen, ist in einem Klima der Ökonomisierung schlicht und einfach eine konsequente Strategie, um zum Erfolg zu gelangen. Dass dies nicht viel häufiger vorkommt, zeugt von der Kraft, mit der Journalisten und Journalistinnen sich noch immer den Zwängen der Ökonomisierung entgegenstellen.

Spitze des Eisbergs

Doch die Logik der Kommodifizierung ist bereits tief in die Gesellschaft vorgedrungen. Auch wenn sich heutige Journalisten und Journalistinnen nach Kräften um die Rettung ihres Berufsethos bemühen, sind sie doch nicht in der Lage, sich der Ökonomisierung der Gesellschaft zu entziehen. Sie wirkt sich abgesehen von Einzelfällen wie Claas Relotius nicht im fingieren von Beiträgen aus, sondern als Selektion. Journalismus bedeutet immer auch, aus allem, was jeden Tag auf der Welt passiert, eine Auswahl zu treffen. Die Kriterien dieser Selektion sollten vor dem Hintergrund der Funktion der Presse in einer demokratischen Gesellschaft in einer Analyse der Frage liegen, welche Neuigkeiten für die Geschicke der Gesellschaft am wichtigsten sind und welche Informationen die Bürger und Bürgerinnen brauchen, um einen so autonomen wie mündigen Gebrauch von ihrer kontrollierenden Gewalt zu machen (Wahlen, Demonstrationen, Einflussnahme, usw.).

Die Abstraktion der Ware

Angesichts der Zwänge omnipräsenter Ökonomisierung verläuft dieser Prozess heute allerdings vollkommen anders. Eine der zentralen Einsichten von Marx bestand in der Beschreibung der Veränderung, die Dinge, Gedanken oder Fertigkeit durchlaufen, wenn sie sich im Rahmen von Kommodifizierung in Waren verwandeln. Waren existieren aus der Perspektive der Produzierenden nicht um ihrer selbst willen oder aufgrund ihres sozialen Nutzens. Ganz im Gegenteil liegt der Wert einer Ware aus Sicht der Produzierenden einzig in ihrer Tauschbarkeit. Welche Gestalt eine Ware besitzt, wie sie sich auf Menschen und Umwelt auswirkt und weitere Fragen dieser Art, ergeben aus der Sicht der Warenproduktion nicht den geringsten Sinn, solange die Ware sich nur entsprechend absetzten lässt. Die Logik mag mit Blick auf einige Dinge vielleicht produktiv und sinnvoll für eine Gesellschaft sein, doch ist sie wohl kaum geeignet, eine sinnvolle Produktion von Medikamenten, Lebensmitteln oder eben auch Journalismus zu tragen. Die Auswahl der Neuigkeiten, die es in die Zeitungen schaffen, wird im Zuge dieser Entwicklung, zur Frage ihrer Verkäuflichkeit.

Noch immer keine Verschwörung

Das mit dem Journalismus heute etwas nicht stimmt, ist aus dieser Sicht durchaus eine Tatsache, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen als die Rede von der Lügenpresse es suggeriert. Es gibt zwar einen hochwertigen Journalismus, doch die Themen werden mehr und mehr durch die ökonomische Logik von Angebot und Nachfrage selektiert. Man kann das z.B. leicht daran erkennen, mit welch unterschiedlichem Gewicht der Tod von Menschen behandelt wird. Gestorbene weiße Westeuropäer sind in den Medien wesentlich präsenter als ertrunkene Flüchtlinge, geschweige denn die Opfer der zahlreichen kriegerischen Konflikte rund um die Welt (sofern nicht weiße Westeuropäer in ihnen sterben). Und das funktioniert vollkommen unabhängig von jeder Verschwörung, sondern geht schlicht und einfach auf die Frage zurück, welche Informationen sich am besten verkaufen lassen. Die von Google aus den Tiefen des Netzes zu Tage geförderten Suchergebnisse sind das perfekte Beispiel dieser Logik. Man liest das, was man sowieso schon denkt

Echo, Echo!

Unter einer Echokammer wird gewöhnlich ein Phänomen im Zusammenhang mit den sozialen Medien verstanden. Wo Menschen sich überwiegend oder sogar ausschließlich über soziale Medien informieren, also Nachrichten lesen, die von ihren Freunden und Freundinnen gepostet wurden, bewegen sie sich schließlich in einem Universum, in dem jeder und jede die Dinge sieht, wie er oder sie selbst und hat keine Möglichkeit mehr, mit Informationen oder Ideen in Kontakt zu geraten, die sich zu seinen oder ihren Überzeugungen dissonant verhalten. Ökonomisierung überträgt diese Logik vom Individuum auf die Gesellschaft. Werden Informationen anhand ihrer Verkäuflichkeit selektiert, knüpfen sie vor allem an das an, was bereits bekannt und verbreitet ist. Die der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Informationen und Ideen laufen deswegen Gefahr, entweder zur Reproduktion dessen zu verkommen, was sowieso schon alle wußten oder es bei Variationen auf ein bereits bekanntes Thema bewenden zu lassen. Die Konsequenz besteht wieder einmal in der Reduktion des politischen Imaginären. Mehr vom Selben ist das Motto der kapitalistischen Moderne.