Noch so eine Mauer

Das waren die Worte von DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 und zwei Monate später stand sie bekanntlich dann doch, die Mauer. Mit den Mauern ist das bekanntlich ja so eine Sache. Die einen tun so, als würden sie keine bauen wollen und bauen dann doch ein. Die andere posaunen laut heraus, unbedingt eine zu bauen, schaffen es dann aber doch nicht und verkommen so zur Lachnummer der Nation.
Letzteres ist genau das, was Trump zu werden fürchtet, wenn er aus der aktuellen Pattsituation in Form des Shutdowns nicht als Sieger hervorgeht, um 5 Milliarden für seine Mauer zu bekommen, seinen feuchten Alptraum aus Lego. Doch so einfach ist das nicht, denn die Demokraten wollen die Gelder bekanntlich nicht frei geben. Zumal niemand eine solche Mauer braucht, nicht einmal jemand mit massiver Angst vor Migration, schließlich sind die Migrationszahlen seit der Jahrtausendwende massiv zurückgegangen und der Löwenanteil des Drogenhandels wird über heute schon bewachte Grenzübergänge abgewickelt. Der Spiegel hat hier eine liebevolle Liste zusammengestellt, die allen zur Lektüre empfohlen sei.

Kein Geld, kein Geld…

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Natürlich sind auch die Demokraten mit Blick auf Migration kein Hort des Humanismus und wollen nicht weniger als die Republikaner eine gesteuerte und regulierte Form der Migration, die sich den Erfordernissen der sozialen Situation und vor allen des Arbeitsmarktes anschmiegt. Für die Millionen Binnenflüchtlinge Kolumbiens dürfte auch in den politischen Phantasien der Demokraten wenig Platz sein. Sie wollen vor allem kein Geld für eine Grenzschutzmaßnahme ausgeben, die nachweislich sinnlos ist und nicht zum gewünschten Effekt führt, zumal die Situation an der Grenze weit von den Notstandsszenarien entfernt ist, die Trump herbeideliriert, sofern sich ihm ein Mikro bietet (was angesichts seiner Funktion als Präsident leider ununterbrochen der Fall ist). Also machen sie den Geldhahn zu.
Doch halt: Soweit hätte es doch eigentlich gar nicht kommen können. War es nicht Mexiko, das für die Mauer bezahlen sollte und war es nicht Trump selbst, der im Brustton voller Überzeugung verkündet hatte, die Bürger und Bürgerinnen müssten keinen Cent zahlen, weil Mexiko vielleicht gar einen Check ausstellen würde? Nein natürlich nicht. Das habe er nie gesagt, versicherte Trump jüngst in einem Interview. Die Washington Post wartete unschwer mit 212 Gegenbeweisen auf, schließlich hatte Trump die Sache mit Mexiko während seiner Kandidatur und auch danach lauhals bei jeder Gelegenheit verkündet.

Merkt ihr noch was?

Diese Frage könnte man den Anhängern und Anhängerinnen Trumps nun stellen. Sie leben nicht nur ausgerechnet in den Gegenden, in denen die lasche Umweltpolitik der Republikaner die größten Schäden anrichtet und sie weisen aufgrund ihrer christlichen Überzeugungen nicht nur die größte Distanz zu einem Menschen auf, der über Frauen nicht mehr zu sagen hat als sein berühmt gewordenes “You can grab them by the Pussy!”. Jetzt bleiben sie obendrein noch einem Präsidenten treu, dessen heutige Aussagen vollkommen objektiv (schließlich gibt es das auf Video) im Widerspruch zu seinen früheren öffentlichen Versprechen stehen. Wenn jemand etwas gesagt hat (sogar mehrmals) und dies anschließend entgegen aller Beweise bestreitet, nennt man das gewöhnlich eine Lüge. Und eine Lüge müsste bei der Wählerklientel Trumps eigentlich schlecht ankommen, schließlich heißt es schon in den zehn Geboten, dass dies eine ernst zu nehmende Sünde darstellt.
Hier zucken sicherlich wieder viele mit den Achseln und lächeln über den dummen Präsidenten und seine noch dümmeren Anhängerinnen und Anhänger. Schließlich ist nichts so schön, wie das sichere Gefühl im Recht zu sein, vor allem wenn es sich mit dem Bedürfnis nach sozialer Distinktion verbinden lässt und einen zugleich des eigenen Status versichert.

Eine Lüge, die keine ist

Wer seine Überlegungen hierbei bewenden lässt, verfehlt freilich den Kern dessen, worum es in den heutigen postfaktischen Zeiten geht. Trump ist der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit ebenso egal wie die Frage, ob die von ihm gewünschte Mauer nun wirklich einen Beitrag zur Abschottung vor Migration und Drogenhandel leistet oder nicht. Es geht um etwas vollkommen anderes: das Gefühl. Eine Mauer ist hoch, massiv und furchterregend. Sie vermittelt das Gefühl von Sicherheit (da kommt keiner rüber!) und das reicht vollkommen aus. Insofern ist sie ebenso wenig in der Realität verankert wie das Gefühl der Unsicherheit angesichts rückläufiger Migration und einer signifikant niedrigeren Verbrechensquote bei Migranten (in den USA).
Ebenso ist es mit Donald Trump. Als er seine Pläne für die Mauer verkündete, war er in den Augen seiner Anhängerinnen und Anhänger kein Idiot, sondern ein Mann, der klar denkt und fordert, was notwendig ist, um die (imaginäre) Situation an der Grenze in den Griff zu bekommen. Unter anderen dafür haben sie ihn gewählt. Wenn nun Donald Trump plötzlich als Idiot dastehen würde, wenn die Mauer sich als unfinanzierbar erwiese, weil Mexiko nur mit einem müden Lächeln reagiert und die Demokraten weiter die Gelder blockieren, Trump sich also damals verhalten hätte wie ein Idiot, dann, ja dann, kann er das halt nicht gesagt haben. Schließlich fühlt es sich nicht an, als wäre er ein Idiot, also kann er auch keiner sein, also hat er das nicht gesagt oder zumindest dann doch vollkommen anders gemeint.
Was viele Menschen sich immer wünschten wird heute wahr. Gefühle setzen sich immer mehr gegen Vernunft und Rationalität durch. Glücklich macht das freilich niemanden, auch Trumps Anhänger und Anhängerinnen nicht. Wirklich beruhigen könnte sie hingegen ein Blick in die Migrations- und Kriminalitätsstatistik. Das wäre natürlich nur schnöde Vernunft. Aber ebenso wie Argumente sollten auch Gefühle Hand und Fuß haben.