Weiße Männer blicken auf Inseln

Pipi Langstrumpf war wegen des „Negerkönigs“ ein wenig auf dem absteigenden Ast, dürfte sich aber auch in der Zukunft tapfer in deutschen Bücherregalen und Videosammlungen halten. Das Rassismusproblem lag in den Geschichten seit je an anderer Stelle: In dem Mythos, Weiße müssten nur eine Insel betreten, um von den dort lebenden Menschen als Götter verehrt und zu Königen gekrönt zu werden. Daran hat indes niemand Anstoß genommen, vielleicht, so könnte man hier spitzfindig spekulieren, weil dieser Mythos in den meisten Köpfen auch heute noch hoch aktuell ist. Ohne Weiße sind die Nicht-Weißen einfach verloren, nur „Neger“ darf man sie halt nicht nennen, das ist rassistisch. Zu sagen, man sei kein Rassist war schon immer leichter, als mit dieser Behauptung ernst zu machen. Der vorgebliche Antirassismus des Pipi Langstrumpf Bashings veranschaulicht trefflich, wie tief der Rassismus dieser Gesellschaft in Wirklichkeit eingeschrieben ist.

Zum Thema

Die Geschichten von Pipi Langstrumpf geben allerdings wesentlich mehr her als einen Anlass zu wohlfeiler Rassismuskritik. Wie wohl keine Heldin aus einer anderen Kindergeschichte verkörpert sie das Postfaktische. Dies spiegelt sich in der Haltung ihres Charakters und in dessen Biographie. Die meisten, wenn nicht gar alle, Menschen in Deutschland dürften das berühmte Titellied der Serie kennen.

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune !!
Ich mach’ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ….

Wenn das nicht postfaktisch ist, was dann. Mit diesem Lied auf den Lippen stehen Trump, Duterte und Orban jeden morgen auf, auch wenn sie das wahrscheinlich gar nicht wissen. Aber wie alle wissen, geht das Lied noch weiter:

Ich hab’ ein Haus,
ein Äffchen und ein Pferd,
und Jeder, der uns mag,
kriegt unser 1 x 1 gelehrt.

Ansteckend ist das also auch noch. Kaum mag man sie, wird man mit Realitätsverweigerung bedrängt und bekommt Wissensbestände vermittelt, deren Anwendung in der realen Welt zu erbärmlichen Scheitern führen wird. Ein mehr als guter Grund, zu diesem Kind auf Abstand zu bleiben. Annikas Zögern angesichts der meisten Vorschläge ihrer Freundin Pipi sind gewissermaßen die letzten Zuckungen der Aufklärung, ebenso wie ihr Zuhause zwar spießig sein mag, aber immerhin noch ein Ort, an dem man miteinander reden kann, weil ihm das Interesse an einer geteilten Realität korrespondiert.

Mehr als nur ein „Negerkönig“

An Pipi Langstrumpf werden gewöhnlich Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Stärke und Mut bewundert. Als Ausdruck dieser Tugenden zählt dann auch der Inhalt des Liedes. Ein auf sicheren Beinen stehendes Mädchen, das Abstand zur Welt der Erwachsenen hält, in der alles einen Namen braucht, alles gezählt werden muss und die jeden Tag erneut den Zauber der Phantasie zu Grabe trägt. Diese Interpretation ist verbreitet und wahrscheinlich wesentlich mit verantwortlich für die Tatsache, dass es viele Eltern gibt, die Pipi Langstrumpf mehr mögen als ihre Kinder, die vielleicht wesentlich lieber den neusten Pokemonfilm sehen würden. Sie ist ein gutes Zeichen dafür wie viele Menschen sich heute mit dem Verlust ihres Imaginären abfinden, um dessen Wiedereintritt in die Welt dann von Kindern zu erwarten, die ja soooo phantasievoll und kreativ sind. Kinder sind kreativ… einer der hartnäckigsten Allgemeinplätze überhaupt.
Das tiefer liegende Problem ist vor allem die Ignoranz, mit der diese Interpretation die Tatsache übersieht, dass Pipi Langstrumpf nicht nur unter dem Verlust ihrer Mutter leidet, sondern vor allem auch unter einem so emotional abgestumpften wie anmaßenden Vater. Wer stellt denn seine Tochter nach dem Verlust ihrer Mutter mit nichts anderem als einem lausigen Koffer in einem baufälligen Haus ab, um dann alle Jubeljahre zu Besuch zu kommen und nach wenigen Tagen alleine wieder zu verschwinden. Sicher werden an dieser Stelle viele sagen, es handle sich nur um eine Geschichte. Genau! Eben! Und das ist, was die Geschichte unter dem Mantel der Heiterkeit erzählt.

Nicht lustig

Pipi Langstrumpf ist keineswegs eine heitere Geschichte. Ernst betrachtet ist es die Geschichte eines traumatisierten, allein gelassenen Kindes ohne wirkliche Freunde oder soziale Kontakte, dem als emotionale Zuflucht nur die eigene Phantasie bleibt, in der sie alles ist oder kann, was ihr im realen Leben versagt bleibt. Aus Angst vor Verletzungen durch die Erwachsenen stellt sie sich vor, stark zu sein. Sie kann fliegen, damit sie überall sein kann, wo sie will und nicht allein in einem gammeligen Haus im Nirgendwo hocken muss. Und natürlich hat sie einen fürchterlich beschäftigten und wichtigen Vater, damit sie sich nicht eingestehen muss, von eben dem Menschen verlassen worden zu sein, der sie hätte beschützen und lieben sollen.
Und hier schließt sich der Kreis. Die Hymne auf das Postfaktische, die Pipi Langstrumpf scheinbar so unbekümmert vor sich hinträllert, ist keineswegs Zeichen ihres Rebellierens gegen die Kälte der Entzauberung der Welt. Sie ist Ausdruck einer Realitätsflucht, die der Tatsache entspringt, in einer Welt zu leben, die schlicht und einfach riesengroßer Mist ist und jeden Tag aufs neue wehtut. Und wenn dem so ist… kann es dann sein, dass die zentrale Lehre dieser Geschichten vor allem darin besteht, auf die Schwierigkeit hinzuweisen, die Welt realistisch zu betrachten und gleichzeitig nicht an ihr zu zerbrechen? Pipi Langstrumpf flüchtet in die Psychose, eine Welt, die nichts mehr mit der Welt zu tun hat, in der sie wirklich lebt (merken tut das übrigens einzig die Prusselise). Sie darf das. Sie ist ein Kind und wird das alles früher oder später verdauen, wenn alles gut geht. Doch die Erwachsenen? Die dürfen das freilich nicht. Die müssen sich an Adornos berühmten Ausspruch aus der Minima Moralia halten:

Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.