Richtiges Sprechen

Kaum etwas geht vielen Menschen heute so sehr auf die Nerven wie die Diskussion um politisch korrektes Sprechen. Das Binnen-I, also der Versuch, Männer und Frauen gleichermaßen in der Sprache abzubilden, steht bei vielen auf der Abschlussliste. Albern sagen sie, umständlich und im Text hässlich wie die Nacht, ebenso wie seine Variationen in Form von Unterstrich oder Sternchen. Linke Gutmenschen verhunzen die Sprache. Und natürlich bleibt es nicht bei den Geschlechtern. Aus Behinderten werden Menschen mit Behinderung, aus Taubstummen Gehörlose, nicht einmal Astrid Lindgrens “Negerkönig” bleibt verschont. Dabei war das gar nicht so gemeint…
An dieser Stelle kann man sich nun hinstellen und stur auf der Berechtigung politisch korrekten Sprechens beharren. Doch das wäre zu einfach, denn da gibt es wirklich einiges, das bei näherem Hinsehen stutzig macht. Ein guter Teil der Aversion gegen politische Korrektheit geht wahrscheinlich weniger auf die konkrete Form sprachlicher Regelungen zurück als auf den belehrenden Duktus, mit dem diese im öffentlichen Diskurs verankert werden sollen. Die Frage des “richtigen” Sprechens ist heute nicht selten zugleich eine Spielart der sozialen Distinktion und damit ein Werkzeug, mit dem sich Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, kritisch und reflektiert zu sein, gegenüber all jenen abgrenzen, denen sie diese Eigenschaften absprechen. Das “falsche” Sprechen dieser Menschen gilt in diesen Fällen als untrügliches Indiz ihrer Oberflächlichkeit, wenn nicht gar schlimmeren.

Woher das alles?

Die Frage ist indes, wie Sprache sich derart politisch aufladen kann. In den Augen der meisten Menschen ist Sprache ein Mittel dessen wir uns bedienen, um für unser gemeinsames Leben wichtige Dinge zu benennen. Wenn wir nicht “Gib mir mal den Salzstreuer” sagen könnten, müssten wir jedes Mal um den Tisch herum laufen und uns das Ding selber holen. Über ihn sprechen zu können, macht die Sache also einfacher. Allerdings wird der Salzstreuer immer ein Salzstreuer bleiben, unabhängig davon wie wir ihn nennen.
Und genau hier gehen die Meinungen auseinander. Während viele Menschen an der Salzstreuertheorie festhalten und argumentieren würden, eine Ärztin würde nicht plötzlich zum Mann mutieren, nur weil sie als Arzt bezeichnet wird, sehen Vertreter und Vertreter_innen politisch korrekten Sprechens dies vollkommen anders. Sie verweisen auf die Performativität der Sprache, also auf deren Fähigkeit, durch Benennung Realität zu setzen. Berühmte Beispiele hierfür sind “Ich erkläre euch für verheiratet” oder “ich taufe dich auf den Namen XY”. Im Moment des Sprechens wird zugleich eine Handlung vollzogen und diese hat spürbare Konsequenzen (z.B. weil man plötzlich verheiratet ist). Ebenso wird aus der als Arzt bezeichneten Ärztin zwar kein Mann, doch wird durch diese Art des Sprechens eine männlich codierte soziale Ordnung aufgerufen, die Frauen bis heute elementare Rechte vorenthält. In diesem Sinn mag politisch korrektes Sprechen zwar mitunter von sozialer Distinktion getragen sein, wäre aber eindeutig im Recht.

Oder doch nicht?

So einfach ist es hingegen keineswegs. Denn wenn die Gegner und Gegnerinnen des politisch korrekten Sprechens darauf verweisen, es sei müßig, sich ewig mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Dinge benannt werden sollten, haben sie nicht ganz Unrecht. Die Sache mit der Performativität der Sprache ist zwar richtig, denn die Sprache weist uns den Weg zur Welt, organisiert unsere Wahrnehmung und legt sich zwischen unsere Beziehungen. Doch gerade deshalb bedeutet das kritische Reflektieren performativer Sprachstrukturen wesentlich mehr, als die Frage zu wälzen, ob Wort A oder B besser ist, um das sowieso reaktionäre Wort C künftig zu vermeiden.
Das kann man gut an dem berühmten “Negerkönig” aus Pipi Langstrumpf verdeutlichen, aus dem mittlerweile ein “Südseekönig” geworden ist, damit die Kleinen den Rassismus nicht bereits am Kinderbett beim Vorlesen in sich aufsaugen. Rassistisch am “Negerkönig” ist weniger das Wort “Neger” als die Vorstellung, es müsse nur ein Weißer irgendwo auf einer Insel fern seiner Heimat anlanden und schon würden sich die dort lebenden Menschen auf die Knie werfen, um ihn voller Ehrerbietung zum König zu machen. Egal wie der König nun genannt wird, ist es genau dies, was Kindern durch die Lektüre Pipi Langstrumpfs nahegelegt wird. Und so ist es auch mit allen anderen Begriffen. Ärztinnen als Ärztinnen zu bezeichnen ist sicherlich ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Sensibilität, wird aber an den Strukturen des Patriarchats wenig ändern. Genau darauf käme es indessen an.

und die Sprache?

Letztlich ist es also doch egal, wie man die Dinge nennt, sofern man die richtigen Kämpfe kämpft? Nein. Sich korrekt auszudrücken ist sogar von essentieller Wichtigkeit. Nur wenn wir unsere soziale Umgebung möglichst adäquat beschreiben, sind wir in der Lage, sie zu verstehen. Gerade zu diesem Zweck wäre es hilfreich, dem “korrekt” seinen moralischen Charakter zu nehmen. Wer eine Ärztin als Arzt bezeichnet, begeht weniger einen moralischen Fauxpas, als er oder sie schlicht und einfach ungenau spricht. Ungenaues Sprechen aber hält uns davon ab, unsere soziale Wirklichkeit zu verstehen und führt zu Denkstrukturen, die Gefahr laufen, ihren Gegenstand zu verfehlen. Sprechen sollte nicht primär politisch korrekt sein. Es sollte genau sein und seinem Gegenstand gerecht werden. Denn exakt diese Genauigkeit brauchen wir, wenn wir sauber denken und richtig handeln wollen.