Von der Mitte zum Autoritarismus

Die Ergebnisse der neuen Mitte-Studie liegen vor. Eigentlich heißt sie gar nicht mehr Mitte-, sondern Leipziger Autoritarismus-Studie. Für alle, die davon noch nie gehört haben: Locker ausgedrückt könnte man diese seit 2002 existierende Studienreihe als den Porsche unter den Rechtsextremismus-Studien bezeichnen. Sie vermittelt ein zuverlässiges Bild über die Verbreitung rechter Einstellungsmuster in der deutschen Bevölkerung. Wertvoll ist sie vor allem auch, da sie ihre Ergebnisse eher konservativ berechnet und dadurch nicht dem Vorwurf ausgesetzt werden kann, sie würde die Dinge übertreiben.

Der Begriff des Autoritarismus deutet es bereits an. Die Studie verortet sich methodisch und vom Erkenntnisanspruch her (nunmehr schon durch den Titel) in der Tradition der berühmten Studien der Frankfurter Schule aus den 30er und 40er Jahren. Deren Anspruch aber bestand keineswegs nur darin, einen Einblick in die Verbreitung rechter Denkmuster zu bekommen, um die dabei gewonnenen Ergebnisse anschließend in Statistiken und Grafiken aufbereitet präsentieren zu können. Vielmehr (das ist entscheidend), ging es darum, die empirischen Ergebnisse durch gesellschaftstheoretische Ansätze aus dem Bereich der Psychoanalyse und Soziologie zu ergänzen, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, wie die Gesellschaft in ihrer jeweiligen Form die Entstehung entsprechender Charakterformen begünstigt.

Unterwerfung und Dominanz

Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang der Begriff des autoritären Charakters. Er bezeichnet eine Persönlichkeitsstruktur, die sich durch ihr Bestreben nach autoritärer Unterwürfigkeit und gleichzeitige Identifikation mit einer übergeordneten Machtinstanz (ob eine Person, eine Institution oder eine Idee) auszeichnet. Zwar stellt die Unterwerfung eine Kränkung des Egos dar, doch wird er durch die Identifikation mit der Größe der Macht entschädigt, welche die Teilhabe an etwas Großen ermöglicht und das Recht verleiht, auf alles Schwache und Abweichende herabzusehen und es zum Objekt des Ausagierens unerledigter Aggression zu machen. Sprichwörtlich hat sich hier die Metapher des Radfahrens eingebürgert: Nach oben buckeln, nach unten treten.

Dass die angeblich antiautoritäre Revolution der 68er-Bewegung und auch die Freiheitsversprechen des modernen Kapitalismus keineswegs zu einem Verschwinden des Autoritarismus geführt haben, bewiesen in regelmäßigem Abstand vor allem auch die Mitte-Studien, aus denen jetzt die Leipziger Autoritarismus-Studie geworden ist. Die Studie unterscheidet zwischen sechs Dimensionen, in denen rechtes Denken sich artikuliert:

– Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur
– Chauvinismus
– Ausländerfeindlichkeit
– Antisemitismus
– Sozialdarwinismus
– Verharmlosung des Nationalsozialismus

Die Ergebnisse sind mehr als unerfreulich, insbesondere wenn der Bereich der Latenz einbezogen wird, also der Anteil derjenigen Befragten, die Fragen mit Teils ja/Teils nein beantwortet haben und dadurch zwar keine direkte Zustimmung, doch eine gewisse Nähe oder Offenheit für entsprechende Denkmuster erkennen ließen. Die Ergebnisse kann jede und jeder online einsehen, deswegen seien an dieser Stelle nur die drei aus dem Bereich Ausländerfeindlichkeit aufgeführt:

Es klingt zynisch, doch falls jemand in Deutschland keine Lust mehr hat, das Wetter zu bemühen, um einen Aufhänger für Smalltalk zu haben, besteht eine mehr als gute Wahrscheinlichkeit, auf ausländerfeindliche und andere ressentimentgeladene Themen ausweichen zu können, ohne dabei den Bereich des allgemein Zustimmungsfähigen zu verlassen. Klar müssen die Ausländer weg, wenn die Arbeitsplätze knapp werden. Selbstverständlich wollen die nur den Sozialstaat ausnutzen.

Veränderungen auf der Rechten

Das ganze hat jedoch eine Besonderheit. Aus den sechs abgefragten Bereichen setzt sich das zusammen, was in der Rechtsextremismusforschung als geschlossenes rechtes Weltbild bezeichnet wird. Von diesem wird gesprochen, wenn eine Person in allen sechs Bereichen hohe Zustimmungswerte erkennen lässt, also nicht “nur” in bestimmten Dingen von Wut zerfressen, sondern Anhänger einer rechtsgerichteten Ideologie ist.

Unter dem Strich betrachtet geht aber genau dieses rechte Weltbild zurück. Dies erscheint auf den ersten Blick vollkommen paradox. Wie kann die Verbreitung des geschlossenen rechten Weltbildes zurückgehen, während gleichzeitig die AFD in Landtagswahlen (nicht nur in Sachsen) abräumt und auf Bundesebene die SPD überholt? Der Grund liegt vielleicht in einer Verschiebung des Autoritarismus. Wo dieser früher eng an die sechs Bereiche gebunden war, aus denen sich das klassische rechte Weltbild zusammensetzt, manifestiert er sich heute, wie die Studie zeigt, vor allem auch als Antiziganismus, Islamophobie, Homophobie, Abwertung von Langzeitarbeitslosen und der erhöhten Bereitschaft zum Glauben an Verschwörungstheorien.

Das ist nicht unbedingt weniger rechts und schon gar kein Grund zur Beruhigung. Gerade Parteien wie die AFD sind es, die auf diesen Zug aufspringen und den Bereich des öffentlich Sagbaren verschieben, wodurch sie ihn zugleich für die potentielle Zustimmung der breiten Masse öffnen. Doch verfehlt jede kritische Analyse ihr Ziel, die sich damit zufrieden gibt, die neu entstandene Rechte in überkommene Analysemuster zu quetschen, indem sie es dabei bewenden lässt, ihr in altbewährter Manier den Nazivorwurf zu machen. Wenn es bei Pegida Menschen gab, die Schilder hochhielten, auf denen stand “Wir sind keine Nazis” oder Freiwild sich vom Nationalsozialismus distanzieren, ist wenig damit erreicht, ihnen nachweisen zu wollen, sie seien eben doch nur Nazis, vielleicht gar ohne das zu wissen. Ganz im Gegenteil gilt es zu verstehen, wie ein Rechte ticken, die keine Nazis sein wollen, damit vielleicht sogar recht haben und gerade dadurch gefährlicher sind, als die Skinheads der 90er oder die NPD.

Autoritarismus und Irrationalität

Dass das Neue an der neuen Rechten noch nicht ausreichend verstanden ist, stellt aber nur ein Problem dar. Ein weiteres liegt vor allem in der Fähigkeit der heutigen Rechten, sich öffentlich Geltung zu verschaffen und den politischen Konsens zu verschieben. Wo es vor dreißig Jahren noch als Provokation galt, ein T-Shirt mit der Aufschrift “Ich bin stolz ein Deutscher zu sein” zu tragen, wird Nationalgefühl samt Stolz, Flaggen und “Deutschland, Deutschland” Rufen (sobald irgendein Ball rollt) heute nahezu erwartet und gehört zum guten Ton. Als Spielart des Autoritarismus ist die neue Rechte aber wie jeder Autoritarismus aufs engste mit der Irrationalität verflochten. Den Frust über die eigene Unterwerfung durch Stolz auf ein idealisiertes Objekt zu kompensieren und die aufgestaute Aggression auf Minderheiten und alles als Schwach erachtete (du Opfer!) zu projizieren, ist schlicht und einfach bar jeder Vernunft. Die daraus entspringenden Argumentationsmuster, mit denen das eigene Handeln anschließend legitimiert werden soll, entziehen sich jeder rationalen Auseinandersetzung.

Der Autoritarismus nimmt es mit den Tatsachen nicht genau, könnte es nicht einmal, wenn er denn wollte, weil dies seiner tiefenpsychologischen Fundierung widersprechen würde. Und das es zur Zeit zumindest in Europa keine relevante linke Strömung des Autoritarismus gibt, ist dies vor allem ein Problem dessen Ausmaß mit der Relevanz der Rechten verkoppelt ist. Die Auflösung des demokratischen Diskurses im postfaktischen Gerede ist nicht nur ein Zeichen des Verlustes von Diskussionskultur. Sie ist vor allem auch ein Zeichen des Siegeszugs der Rechten. Wie weit dieser Siegeszug schon heute reicht, ist deutlich daran abzulesen, dass der Verzicht auf Vernunft, Rationalität und Logik bereits weit in der sogenannten Mitte angekommen ist. Friedrich Merz’ Forderung den Grundgesetzartikel 16 (über den schon heute so gut wie niemand seinen oder ihren Bleibestatus zugesprochen bekommt) zur Disposition zu stellen, Seehofers Insistieren auf der Schließung der bayrischen Grenze oder Sarah Wagenknechts Tiraden gegen “die da oben”, das Absehen von Fakten und die Konkurrenz um die Regulierung des Emotionshaushalts der potentiellen Wählerschaft, setzt sich in immer stärkerem Maße durch und gerät zur neuen Spielart dessen, was einst als Regierungskunst bezeichnet wurde.

Entzauberung der Welt?

Das alles aber könnte sich nicht durchsetzen (und hier schließt sich der Kreis zur Frankfurter Schule), wenn nicht die Gesellschaft als Kontext all dieser Geschehnisse selbst bis in ihre Tiefen von Irrationalität durchdrungen wäre. Das widerspricht der tradierten Weise, wie wir seit Webers Bonmot von der “Entzauberung der Welt” die Moderne zu interpretieren gelernt haben. Und genau hier gilt es weiterzumachen. Der Kapitalismus ist mehr als die mathematische Kalkulation von Gewinn und Verlust. Er ist in seinem Innersten offensichtlich tief von einer Irrationalität durchzogen, die über die üblichen Klagen angesichts von Umweltproblematik, Armut, Konsumkultur, usw. deutlich hinausgeht. Und genau diesen Kern gilt es zu verstehen, wenn wir verstehen wollen, warum so viele Menschen heute der Ansicht sind, es sei eine hervorragende Idee, sich rechten Ideologien zu unterwerfen und sich auf das tröstende Kissen des Nationalstolzes zu legen, um von dort aus auf alles einzuschlagen, was nicht so ist, wie es angeblich sein sollte.