Kapitalismus und Rassismus

Es gibt immer wieder Augenblicke, wo sich auch eingefleischte Kritiker und Kritikerinnen des Kapitalismus mit Blick auf dessen zahlreiche Manifestationen wundern. Erstaunt steht man da und denkt „wie geht denn das jetzt? Ehrlich?“. Und dann kramt man kurz in der imaginären Bibliothek im Kopf, denkt an zurückliegende Gespräche oder schließt an vergangene Gedanken an, um dann mit einem „ach ja, klar!“ wieder einmal zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass der Kapitalismus ein Chameleon ist. Jeden Tag erfindet er sich neu, ist immer wieder anders und frisst noch die radikalste Kritik, um sie den Menschen als Ware zurückzuspielen. Wir konsumieren nicht nur die Waren des Kapitalismus, sondern den Kapitalismus selbst. Das zwischen Kapitalismus und Rassismus ein enger Zusammenhang besteht, dürfte heute so ziemlich allen klar sein. Viele Kommunisten und Kommunistinnen der Weimarer Republik gingen sogar so weit, Faschismus und Nationalsozialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus zu werten, in dem Staat und Wirtschaft verschmelzen und sich radikal all jener Menschen entledigen, die sie als nicht produktiv erachteten oder aus anderen Gründen nicht in ihrer Mitte haben wollten. Kapitalismus schürt den Krieg, wie Lenin den Leser und Leserinnen seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ versicherte, eine Meinung die (trotz aller Differenzen) auch Rosa Luxemburg teilte. Da ist was dran. 2018 wurden im Mittelmeer 2262 Menschen als tot oder vermisst gemeldet, im Jahr davor lag die Zahl bei 3139, wie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR verlauten ließ.

Zuletzt spielt der Rassismus im Kapitalismus natürlich auch eine nicht zu unterschätzende psychologische Rolle. Auch am Ende der Stufenleiter kann auf Menschen herabgeschaut und die vermeidliche eigene Höherwertigkeit ausgekostet werden. Und wer am ganzen heutigen Schlamassel die Schuld trägt, wissen sowieso alle: „Die Flüchtlinge!“.

Und da sitzt sie nun

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Und dann sitzt sie das einfach so. Eine afrodeutsche Frau, die mit ihrem Handy Geld versendet (vielleicht gar ins Ausland zu ihrer Familie? So weit kommt es ja wohl noch!). Interessant ist auch der Werbeslogan: „Entdecke die Vielfalt des Geldversandes auf moneygram.de“. Da kann man sich nun Gedanken drüber machen. Repräsentiert das Afrodeutsche hier die Vielfalt? Ist der Geldversand mit moneygram so verdammt vielfältig wie eine Afrodeutsche? Und haben wir vielleicht gar die Chance, ebenfalls von dieser offensichtlich spannenden Vielfalt zu kosten, wenn wir uns die entsprechende App aufs handy laden? Eine eindeutige Interpretation ist hier wie bei jeder halbwegs anständig gemachten Werbebotschaft nicht möglich, deren Wesen nun mal darin bestehet, ein Kaleidoskop möglicher Bedeutungen zu öffnen, aus denen die potentiellen Konsumenten und Konsumentinnen sich heraussuchen können, was ihnen gefällt und ihren Identifikationsbestrebungen einen Aufhänger bietet.
Es ist nicht nur ein Plakat wie dieses, das stutzig macht. Die Differenz ist im Kapitalismus auch andernorts ein hoch geschätztes Gut. So werden einerseits Schwule und Lesben noch immer unterdrückt, genießen in der Öffentlichkeit ein geringeres Ansehen als Heteros und erleiden nicht selten auch körperliche Gewalt.

Gleichzeitig aber bewirbt die Unternehmensberatung McKinsey & Company das von ihr ins Leben gerufene LGBTQ-Netzwerk GLAM, mit dem gezielt Menschen aus der Queerszene umworben werden, um bei McKinsey zu arbeiten. Ebenso wird die prozentuale Zahl von Schwulen und Lesben in Stadtvierteln als ein Indikator für den Aufwärtstrend von Immobilien betrachtet, weil sie als Leute gelten, die wie ein Magnet auf die Kreativbranche wirken, in der sie angeblich nicht selten auch selbst arbeiten und auf diese Weise Garanten für ein liberales großstädtisches Flair sind.

Also doch die Freiheit?

War nun also doch alles falsch? Wer hat uns verraten… Sozialdemokraten, wer macht uns frei… Lenins Partei? Alles Quatsch, eins wie das andere? Weder noch? Ist es am Ende doch der Kapitalismus, der uns die Freiheit bringt, indem er rassistische und sexistische Ausgrenzung langsam aber aber stetig zum Verschwinden bringt und in nicht allzuferner Zukunft auch für die Menschen am Ende der Verteilungsskala einen zufriedenstellenden Wohlstand garantiert? Dann wären die Toten im Mittelmeer nicht Ausdruck des europäischen Rassismus, dem diese Menschen aufgrund ihrer angeblichen Andersartigkeit schlicht und einfach gleichgültig sind (wenn sich nicht sogar einige insgeheim darüber freuen, weil es abschreckend wirkt) und die aktuellen Zeugnisse der Homophobie wären nichts anderes als Ausdruck des letzten Aufbäumens eines Atavismus. Natürlich ist es an diesem Punkt Zeit stutzig zu werden. Manchmal erscheint Freiheit zwar auf den ersten Blick verführerisch, entpuppt sich dann aber als nichts weiter denn eine neue Manifestation von Unfreiheit. Es gibt falsche Freiheit, ebenso wie es falsche Liebe gibt. Die französische Punkband Le Thugs brachte das vor 20 Jahren mit ihrem Lied „Your kind of Freedom we don’t want“ gut auf den Punkt:

Your kind of freedom we don’t want, hey you with your god on your chest, When you’re preaching about liberty, We see the stakes in your eyes! Your kind of freedom we don’t want, Freedom for ignorance and lies, freedom for women’s slavery, freedom for inquisition’s law, YOUR KIND OF FREEDOM WE DON”T WANT!

Die Grenze und wo sie verläuft

Das die Grenze nicht zwischen den Ländern, sondern zwischen den Klassen verläuft war vielleicht noch nie so wahr wie heute. Während die wohlhabende Afrodeutsche, die an wen auch immer Geld mit ihrem Handy überweist, hoch willkommen ist, während Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern in Boote steigen, von denen sie nicht wissen, ob sie diese jemals lebend wieder verlassen werden, hat den gleichen Grund wie die Koexistenz von Homophobie mit der Umwerbung LGBTQ-Bewegung. In den ökonomisierten Gesellschaft wird der Mensch immer mehr zur Ware zugerichtet. Seine Arbeitskraft ist eine Ware, sein Charakter und sein Körper sowieso (wie jede Frau genauestens weiß!). Mit Blick auf die Ware war es schon immer egal, wer sie gefertigt hat, woher sie kam und wessen Sprache sie spricht, solange sie sich nur verkaufen ließ und ihren Wert realisierte (für die Leser und Leserinnen des Kapitals: G – W – G’). Das dies bislang nicht so stark ins Auge fiel wie heute war einem geringeren Grad der ökonomischen Durchdringung des Sozialen geschuldet. Wo die Ökonomie noch nicht die Totalität der Gesellschaft eingenommen hat, gibt es immer noch andere Kategorien, die in der Bewertung von Dingen und Menschen eine Rolle spielen, z.B. Herkunft oder Identität. Im Rahmen zunehmender Ökonomisierung verschwinden diese Differenzen zusehends und machen einer großen Differenz Platz: der Differenz dessen, was sich am Markt behaupten kann und was nicht. So überweist die eine Geld mit ihrem Handy, während die andere ertrinkt. Und wer ist am Ende Schuld an allem? Gemäß des aktuellen Mantra der Individualisierung natürlich die Betroffenen selbst. Schließlich sind wir alle unseres Glückes Schmied. Vergessen wir es nie: Das ist keine Freiheit! YOUR KIND OF FREEDOM WE DON’T WANT!