Kurzweiligkeit bei MediaMarkt

Der teuerste Fernseher auf der Internetseite von Mediamarkt ist der SONY KD-100ZD9 und kostet 65525 Euro. Dafür hat er aber auch eine Bildschirmdiagonale von 253 cm und Sachen wie 4K HDR Prozessor X1 Extreme, 4K X-Reality PRO Bildprozessor, X-tended Dynamic Range Pro, Triluminos Display usw. Vermutlich kann er auch Kaffeekochen, Kant interpretieren und für einen zur Arbeit gehen, wenn man mal einfach keine Lust hat. Der Trend geht ja eh in Richtung digitales Lernen. Damit ist das gute Stück zur Zeit wohl die Speerspitze der immer größer und teurer werdenden Fernseher, die in den letzten Jahren die Eingangsbereiche der Elektromärkte pflastern und einen mit der Frage zurücklassen, ob es wirklich Leute gibt, die für eine Glotze so viel wie für einen Kleinwagen ausgeben – oder im Falle des SONY KD-100ZD9 auch einen schicken BMW. Und so sieht es aus, das gute Stück.

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Ein wenig ernüchternd, nicht wahr? Ein Fernseher halt. Aber immerhin nicht weniger. Und wir erinnern uns: 4K HDR Prozessor X1 Extreme, 4K X-Reality PRO Bildprozessor, X-tended Dynamic Range Pro, Triluminos Display! Und wirklich ausgemacht schöne Standfüße, gegabelt wie ein Dreieck, ein auf dem Kopf stehendes Delta der Venus. Geht man an ihm vorbei, hört man Anäis Nin leise seufzen.

Hoffnung gibt es überall

Ermunternd sind indes die Bewertungen auf der Internetseite von MediaMarkt. Es sind immerhin 78 und ausgehend von dieser Zahl sollte das Ding eigentlich weg gehen wie geschnittenes Brot. Doch offensichtlich machen sich die Leute vor allem einen Spaß aus der Sache und sind keineswegs drauf und dran, Haus und Hof zu verkaufen, um die Früchte lebenslanger Arbeit zu verschleudern, sofern sie denn über solche verfügen. Ausgehend vom Ausgabeverhalten der Deutschen dürfte dieses Geld eh schon im Auto stecken. Wer einen Hummer-Jeep hat könnte sich den SONY KD-100ZD9 freilich für die Kinder an die Rücksitze bauen lassen, damit die auf langen Fahrten nicht immer so nörgeln. Feuermann Sam und Bob der Baumeister in zwei Meter Größe. Da kann man den Kleinen auch gleich LSD geben. Käme natürlich trotzdem cool mit dem Rücksitz, denn irgendwie passen die beiden einfach zusammen, der Jeep und der Fernseher. Doch da sind wir noch nicht. Die Community nimmt die Sache einfach nicht ernst und postet stattdessen Kommentare wie diese:

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Das Versprechen der Ware

Das ist durchaus lustig, hat aber auch eine ernste Seite. Denn ganz offensichtlich ist hier ein Punkt erreicht, an dem die Menschen aussteigen, zumindest, wenn es sich um Durchschnittsverdiener und -verdienerinnen handelt, die in den Elektromärkten nebenan kaufen. Die Reaktion besteht frei übersetzt in einem „Wollt ihr mich verarschen?“. Das Lachen war schon immer ein Feind der Ideologie und genügt auch hier, um jede weitere Diskussion über Sinn und Unsinn der angepriesenen Ware ad absurdum zu führen.
Erinnern wir uns kurz an Marx. Jetzt alle im Chor: „Jede Ware hat einen Gebrauchs- und einen Tauschwert.“ Genau. Kann man mit dem Zeug nichts anfangen, gibt auch niemand Geld aus. Aber wie heißt doch gleich der erste Satz des Kapitals? „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine “ungeheure Warensammlung”, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Alle von Marx auf den folgenden gut 2000 Seiten entfalteten Probleme verstecken sich bereits in diesem Satz. Ein nicht ganz unbeträchtliches von ihnen erscheint besteht in der Schwierigkeit, den ganzen produzierten Warenschrott an die Mann und die Frau bringen zu müssen. Aus dem Gebrauchswert wird so (um Wolfgang Fritz Haugs schönen Begriff zu verwenden) ein Gebrauchswertversprechen. Und genau dasher die Belustigung der Community. Das dieses Versprechen im Falle des SONY KD-100ZD9 mehr als absurd ist, sticht den Menschen so unmittelbar ins Auge, dass die Reaktion nur in einem Lachen bestehen kann.

Die Wahrheit hinter dem Witz

Der SONY KD-100ZD9 ist aus dieser Sicht vor allem ein Witz. Genauer betrachtet treibt er aber nur auf die Spitze, was uns heute an allen Ecken und Enden begegnet. Handy und Computer mit immer höherer Auflösung, immer größer werdende Fernseher, riesige SUVs mit Allradantrieb, Jeeps wie der schon angesprochene Hummer, Prozessoren mit immer mehr Kernen, Gaming in 4K… die Liste ließe sich beliebig erweitern.
Der Kommentar mit dem Nintendo SNES und der Sony Playstation 1 verdeutlicht bereits, wo der Kern des Problems liegt. Was machen wir mit unseren 4K Fernsehern, Granatenhandys und Retinadisplays? Sie dienen dem Konsum von Waren, die sich in endlosen Wiederholungen und Variationen längst totgelaufen haben und ihre letzte Lebenskraft daraus beziehen, mit ihrerseits stetig wiederholten und variierten warenförmigen technischen Geräten konsumiert zu werden. Die Form des Konsums supplementiert die Inhaltsleere der Ware, die ihre Bedeutung schon längst in absoluter Nivellierung verloren hat. Das ist keineswegs eine Klage über die Oberflächlichkeit der Konsumkultur. Ganz im Gegenteil ist die Konsumkultur heute genau so, wie sie unter kapitalistischen Bedingungen sein muss und macht exakt, was sie soll. Sie erleidet das Schicksal jeder Ware, indem sie sich bestens verkauft.
Das Amüsement der Menschen auf der Webseite von Mediamarkt könnte ebensogut dem größten Teil der „ungeheuren Warensammlung“ und der von ihr getragenen Ideologie gelten, auch wenn der Teufel hier eher im Detail steckt und der Spalt zwischen Versprechen und Realität weniger ins Auge fällt. Die Ware ist eine Ideologie, die immer mehr zum Witz wird. Wenn irgendwann alle Kommentare bei Amazon und Co aussehen wie die zu Anfang beschriebenen sind wir ein großes Stück weiter. In diesem Sinne, gilt es heute, von Herzen zu lachen. Der SONY KD-100ZD9 ist nur der Anfang.