Warum Postfaktizität

Auf dieser geht es um das Leben in der modernen kapitalistischen Gesellschaft im Allgemeinen. Doch gibt es zugleich einen Fokus. Ausgehend von der Annahme, heute mit einer Zeit konfrontiert zu sein, in der soziale Sinn- und Bedeutungsverhältnisse sich im Rahmen einer radikalen Kommodifizierung (alles wird zu einer Ware) mehr und mehr auflösen, wird vor allem dieses Verschwinden in den Blick genommen. Der heute populäre Begriff für dieses Verschwinden ist die namensgebende Postfaktizität.

Über Postfaktizität wird allerorten gesprochen, in den Medien, der Politik und auf der Straße. In der Regel heißt es dann, es gelte, den Halbwahrheiten und Behauptungen, wie sie von den Trumps dieser Welt, Parteien wie der AFD oder Bewegungen wie Pegida verbreitet werden, einen auf Fakten und Vernunft basierenden Diskussionsstil entgegenzusetzen. Denn Demokratie, so weiter, könne nur funktionieren, wenn der politische Diskurs auf falsifizierbaren Argumenten beruhe, von denen sich schließlich zum Wohle aller das Beste durchsetze.

Es ist schwerer als gedacht

Das ist sicherlich wahr. Wenn Postfaktizität unwidersprochen hingenommen wird, verlieren Vernunft, Rationalität und die Logik des besseren Arguments ihren Wert und dies führt über kurz oder lang in einen Zusammenbruch der Demokratie zugunsten einer Herrschaftsform, deren Fundament in der Manipulation und Mobilisierung von Gefühlen basiert. Doch die eigentliche Frage wird bei einer solchen Herangehensweise meistens ausgelassen: Was ist die Grundlage der Proliferation postfaktischer Diskurse?

Der Untertitel dieser Webseite “Wer vom Kapitalismus schweigt, soll von der Postfaktizität nicht sprechen” formuliert bereits eine knappe Antwort darauf. An dieser Stelle mögen viele lächeln: Natürlich… der Kapitalismus ist schuld. Doch was ist da zu entgegnen? Nur weil etwas nervt, ist es noch lange nicht falsch. Vor allem stellt sich natürlich die Frage, was da eigentlich nervt: dass vom Kapitalismus gesprochen wird oder das er noch da ist. Nüchtern betrachtet wohl eher Letzteres. Schließlich stellt er mit Marx betrachtet nicht nur eine spezifische Form ökonomischer Organisation dar. Vielmehr ist er gerade dadurch verantwortlich für die Art und Weise, auf die Menschen ein Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu ihrer Umwelt aufbauen. Dieser Bereich ist mehr als umfangreich und in hoher relevant für die Frage, ob und wie Menschen in einer Gesellschaft Chancen vorfinden, ein sinnerfülltes und glückliches Leben zu führen.

Kritik der Postfaktizität heißt Kritik des Kapitalismus

Postfaktizität ist also keine kulturelle Frage, die durch Absichtsbekundungen, Faktenchecks oder den empörten Zeigefinger gelöst werden könnte. Vielmehr ist sie Ausdruck einer Entwicklung, die stets im Kapitalismus angelegt war und nun allmählich zu voller Blüte gelangt: der schrittweisen Aushöhlung sozialer Bedeutungs- und Sinnstrukturen.

Dieser Verlust ist eine notwendige Begleiterscheinung der schrittweisen Ökonomisierung der Gesellschaft, in deren Zuge sich angefangen von der Natur über die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft bis hin zu den intimsten Zonen menschlichen Fühlens und Handelns langsam alles in eine Ware verwandelt. Eine Ware aber zählt nie als das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint, eine Leinwand oder ein Rock zum Beispiel. Sie ist die bloße Materialisierung des in ihr enthaltenen Tauschwertes und damit einer rein abstrakten Größe, bar jeder konkreten Bedeutung. Je mehr die Warenform eine Gesellschaft erobert, desto sinnloser wird diese Gesellschaft.

Die Absicht und das Ziel

Dieser Zusammenhang ist noch lange nicht ausreichend gut verstanden. Aus diesem Grund ist es das Ziel dieser Webseite, seinen zahlreichen Verästelungen nachzugehen, um den Nexus zwischen Postfaktizität und Kapitalismus auszuloten. Denn wenn wir diesen Zusammenhang nicht besser in den Blick nehmen, um ihm schließlich entgegenzuwirken, werden wir in absehbarer Zeit nicht mehr über die Sprache verfügen, über ihn zu sprechen.