Fridays for Future

Jeden Freitag schwänzen tausende Schüler und Schülerinnen in zahlreichen Ländern die Schule, um gegen die Umweltpolitik ihrer Regierungen zu demonstrieren. Greta Thunberg hat mit ihrem Engagement eine Lawine losgetreten, die auch durch entschlossene Hinweise auf die Schulpflicht nicht aufzuhalten ist. Die Jugend rebelliert, verweigert die Schulpflicht, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen und zu protestieren. Das hat es lange nicht gegeben und straft alle Sorgen Lügen, junge Menschen würden heute nichts anderes mehr machen, als vor ihren Smartphones zu hängen oder YouTube-Videos zu schauen. Zum Demonstrieren haben Jugendliche jeden erdenklichen Grund. Schließlich müssen sie in der Welt leben, die ihnen von den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen überlassen wird. Wo die Generation der heute 40–50 Jährigen sich in ihrer Jugend Sorgen um den Atomkrieg und marode Atomkraftwerke machte, fürchten sich die jungen Menschen heute vor den Folgen des Klimawandels. Schließlich wissen wir, was auf uns zukommt.

Wo ist der Gegner?

Merkwürdig sind indessen die Reaktionen auf die Welle von Schulstreiks. Sicherlich… Schulstreiks stellen nichts grundlegend in Frage. Es wird kein Produktionsprozess unterbrochen und nicht wenige überarbeitete Lehrer und Lehrerinnen werden für die zusätzliche Zeit nicht undankbar sein. Sie stellen aber eine zielgerichtete Übertretung des Gesetzes dar und sollten durch ihre zusätzliche Kopplung mit Forderungen nach radikaler Umgestaltung aus diesem Grund das Potential besitzen, Widerspruch zu erzeugen, zu polarisieren und Unordnung in die Politik zu bringen. Frustrierend muss angesichts dessen die Zustimmung der eigentlich Verantwortlichen sein. Sogar Angela Merkel findet die Proteste der Schüler und Schülerinnen gut. Das sehen viele so. Es sei doch wunderbar, wenn eine so engagierte Generation heranwächst und bereits in jungen Jahren wichtige Themen auf die Agenda setzt. Über die Jahre werden sie lernen, was Realpolitik ist und nach entsprechend realistischen Wegen suchen, ihre Anliegen in die Praxis umzusetzen. Sprich: Sie werden es machen, wie die zur Zeit Verantwortlichen und nichts wird sich ändern.

Mundtot

Reaktionen wie die von Angela Merkel künden von der Unmöglichkeit, heute als Jugendlicher noch zu rebellieren. Die demonstrierenden 68er von vor 50 Jahren würden heute vielleicht ins Kanzleramt eingeladen und von faz bis taz in wohlwollenden Artikeln für ihr Engagement gelobt. Dabei war und ist Umweltpolitik durchaus in der Lage, zu einer radikalen Konfrontation mit dem politischen Status Quo zu werden. Das haben Ereignisse wie in Wackersdorf, am Stuttgarter Hauptbahnhof oder im Hambacher Forst deutlich bewiesen. Damit liegt oberflächlich betrachtet auch der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen klar auf der Hand. In allen drei Fällen ging es um die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftsunternehmen und Bevölkerung, wobei der Staat die Rolle übernahm, die Rechte Ersterer gegen die Wünsche der Zweiteren durchzusetzen. Derartiges ist im Fall der Schülerproteste nicht der Fall. Sie stellen keine konkreten Besitz-, Macht- oder Wirtschaftsinteressen in Frage. Zumal verlaufen sie friedlich und niemand schmeißt mit Steinen. Dadurch sind sie in hohem Maße verwundbar für die diversen Umarmungen, durch welche sie im Moment so effizient mundtot gemacht werden.

Und was nun?

Liegt also die einzige Möglichkeit des Demonstrierens heute im Frontalangriff auf konkrete Wirtschaftsvorhaben und dem Einsatz von Gewalt? Offensichtlich nicht. Um den Stuttgarter Bahnhof ist es still geworden, der Hambacher Forst wurde von den letzten Demonstranten und Demonstrantinnen befreit und die Medien sind seit langem bei anderen Themen. Scheitern überall. Die Schüler und Schülerinnen trifft es indes besonders hart. Sie werden schlicht und einfach entmündigt, indem man ihnen die politischen Absichten abspricht oder sie einfach nur dufte findet. Damit liegt die Frage auf dem Tisch, wie heute politischer Protest beschaffen sein muss, um wirklich nachhaltig etwas in Frage zu stellen. Wie ist es möglich Themen so zu formulieren, dass sie nicht vereinnahmt werden können? Wie können Themen mit größeren Kontexten verflochten werden? Wie muss ein Widerstand gedacht werden, der nicht Teil des Systems ist? Ist Rebellion überhaupt noch möglich oder landet sie in jeder Variante irgendwann als T-Shirt bei H&M? Die Schüler und Schülerinnen haben eines schon verstanden. Die Antwort auf diese Fragen werden sie nicht in der Schule erhalten.