Ein Artikel im Guardian

Vor ungefähr einer Woche hat die brasilianische Journalistin und Schriftstellerin Eliane Brum einen ungemein klugen Artikel über die Wahl Jair Bolsonaros zum Präsidenten Brasiliens geschrieben. Diese Wahl bedeute mehr als ein weiteres Land in der mit den USA, Polen, Ungarn, der Türkei und den Philippinen immer länger werdenden Liste autoritärer Regime. Denn schließlich beherbergt Brasilien den größten Teil des Regenwaldes im Amazonas Becken, ingesamt eine Fläche größer als Westeuropa. Wenn dieser Wald verschwindet hat das gravierende Auswirkungen auf die Entwicklung des Klimas und die Lebensperspektiven großer Teile der Weltbevölkerung. Brasilien ist Eliane Brum zufolge aus diesem Grund ein „apokalyptischer Vorreiter“, der veranschaulicht, dass die neuen Rechtsregierungen dieser Welt die Macht besitzen, die Klimakrise drastisch zu verschärfen und dadurch in letzter Konsequenz den ganzen Planeten zu vernichten.
Das klingt drastisch, ist aber wissenschaftlich betrachtet kaum von der Hand zu weisen. Politisch ist auch schon alles auf dem Weg, schließlich hat Bolsonaro als eine seiner ersten Amtshandlungen die Zuständigkeit für die Territorien der indigenen Bevölkerung Brasiliens (die einen großen Teil des Geschützen Regenwaldes umfassen) ins Landwirtschaftsministerium verschoben, das von der Agrarindustrie kontrolliert wird. Schon allein die Aussicht, Bolsonaro könnte Präsident werden, hat 2018 zur höchsten Abholzungsquote des Jahrzehnts geführt, wodurch es auf der Hand liegt, was die Verlagerung der Kompetenzen und seine weitere Präsidentschaft in Zukunft noch bringen wird. Engagement zum Schutz des Regenwaldes dürfte in Brasilien Schnee von gestern sein.

Aber warum?

Wie ist so etwas möglich? Wie kann jemand so dumme Standpunkte beziehen und für diese Standpunkte auch noch gewählt werden? Sollte nicht jeder und jede wissen, wie sehr die Konsequenzen dieser Politik den Menschen schaden werden, auch denen in Brasilien natürlich? Die Antwort auf diese Fragen sind einfach und schwer zugleich.
Um leicht zu beginnen: Unter der Bedingung einer nach postfaktischen Spielregeln funktionierenden Öffentlichkeit, ist der Klimawandel von einer wissenschaftlichen Tatsache zu einer Glaubensfrage geworden und natürlich wirkt es ungemein erleichternd, einen Präsidenten zu haben, der versichert, das alles sei nur die Erfindung von ein paar linken Ökospinnern, die sich in ihrem Fanatismus der nationalen Souveränität entgegenstellen. Wesentlich leichter ist ein Standpunkt wie dieser natürlich auch seit Trump. Wenn der Präsident des mächtigsten Landes der Welt öffentlich den Klimawandel zurückweist und mit dieser Begründung aus internationalen Abkommen aussteigt, kommt dies einem Dammbruch gleich, durch den andere Länder aufgefordert werden, auf den bereits rollenden Zug mit aufzuspringen.
Eliane Brum argumentiert indes komplexer: Sie sieht in Bolsonaros Wahl zum Präsidenten Brasiliens eine spezifische Form der Reduktion von Komplexität und damit schließlich auch von Angst. Mit seinem Versprechen, Brasilien in die Zeit vor 50 Jahren (die Zeiten der Militärdiktatur) zurückzuführen ist vor allem das Versprechen verbunden, wieder zu einer verlorenen Einfachheit des Lebens zurückzufinden, als es Männer und Frauen und sonst gar nichts gab, das Patriarchat noch funktionierte und die Minderheiten wußten, wo ihr Platz war ohne aufzubegehren oder Anerkennung zu fordern. Damals war die Welt noch in Ordnung, so Brum, und die Wissenschaft versprach eine Zukunft voller Fortschritt und Lebensqualität, statt ständig mit solch nervigen Prognosen wie globaler Erwärmung und dem Abschmelzen der Polkappen um die Ecke zu kommen. Und mit all dem hat sie zweifelsfrei Recht.

Noch was?

Doch das ist nicht alles. Gefährlich sind auch die anderen nach Rechts gerückten Länder dieser Welt. Das Donald Trump seinen Finger unter anderem auf dem Knopf für die Atomraketen hat sollte ebenso beunruhigen wie die türkischen Absichten in Syrien oder die mittelfristigen Konsequenzen des Handelns von Staaten wie Italien, Polen oder Ungarn für den Fortbestand der Demokratie in Europa.
Das Brasilien Bolsonaros ist vor allem eine Art Zukunftswerkstatt, auf die alle Menschen in noch demokratischen Ländern ein sehr waches Auge haben sollten, weil hier jemand am Werk ist, der es nicht für notwendig hält zu verstecken, was andernorts unter geschönten Formulierungen und eher nebenbei verhandelt wird. Das die Zeit der Militärdiktatur mit ihren staatlich verordneten Morden, ihren Todesschwadronen und dem Verschwindenlassen von Oppositionellen bis hin zur Operation Condor in Brasilien auf so viel Rückhalt stößt, verwundert bei näherem Hinsehen nur bedingt und malt den dunklen Schatten einer Zukunft an die Wand, die auch in anderen Ländern bereits zu dämmern beginnt.
Als in den 70er Jahren die Chicago Boys (Schüler Friedrich August von Hayeks und Milton Friedmans) nach dem Putsch gegen die Allende Regierung nach Chile reisten, um die frisch gebackene Diktatur Pinochets in Wirtschaftsfragen zu beraten, war mangelnde Demokratie alles andere als ein Hindernis. Ganz im Gegenteil galt die Doktrin des Neoliberalismus als etwas, das sich wesentlich besser in autoritären Staaten umsetzen lässt, da selbige weniger auf die Rechte der Bevölkerung achten müssen und im Falle von Widerstand mit massiven Polizei- und Militäreinsätzen antworten können, um eine eventuelle Opposition niederzuschlagen, bevor sie eine relevante Rolle zu spielen beginnt.

Und die Demokratie?

Mit Brasilien sind wir heute also in überaus deutlicher Form vor eine Frage gestellt, die mit dem weltweiten Ruck nach Rechts einhergeht. Sind Kapitalismus und Demokratie vereinbar oder war ihre Koexistenz nur eine der Systemkonkurrenz geschuldete Episode der Geschichte an deren Stelle nun ein Zusammenspiel von Autoritarismus und Kapitalismus tritt, in dem Demokratie zu einer leeren Handlung verkommt, deren Zweck nur noch in der Bestätigung dessen besteht, das auch ohne sie existieren würde?
Spannend ist nicht nur die Frage selbst, sondern auch die Form, in der sie sich stellt. Geschichtlich betrachtet haben die Menschen in den heute demokratischen Staaten hart für die Abschaffung von monarchischer und diktatorischer Regime gekämpft. Angesichts dessen sollte eine hohe Identifikation mit den Errungenschaften der Demokratie wie freien Wahlen, unabhängigem Journalismus, Minderheitenrechten und vielem mehr zu erwarten sein, wenn nicht gar das Bestreben, auf eine stetige Ausweitung demokratischer Räume zu drängen. In Ländern wie Brasilien, den USA, Ungarn, Polen, Italien oder der Türkei geschieht jedoch genau das Gegenteil. Die Bevölkerung stellt sich durch ihre Wahlentscheidungen gegen die Demokratie, die sie eine solche Wahl erst treffen lässt. Das so paradox wie erklärungsbedürftig und die Narration von der verführten Bevölkerung reicht keineswegs, um diesen Trend zur Selbstabschaffung der Demokratie zu erklären. Schließlich sind die Leute nicht dumm. Wagen wir mit Eliane Brum eine These: Die angstbeladene Komplexität der Moderne ist Ausdruck der Abwesenheit kollektiver Sinnvorstellungen, die helfen könnten, die Heterogenität der modernen Gesellschaft unter einen Hut zu bringen und dieser Mangel an Sinn ist ein direkter Ausdruck der beständigen Kommodifizierung der Lebensverhältnisse, in deren Zug alles zu einer Ware gemacht wird. Trump, Erdogan, Duterte und auch Bolsonaro werden wir demnach mit dem Kapitalismus los oder gar nicht. Andernfalls werden sich nur die Namen ändern.